https://www.faz.net/-gqz-892fh

Zurbarán in Düsseldorf : Ein Evergreen für die Augen

Glühende Askese und mystische Versunkenheit: Francisco de Zurbarán malte mit dem Pinsel Caravaggios und den Augen eines Inquisitors. Eine Düsseldorfer Ausstellung entdeckt den spanischen Barockmaler.

          Die heilige Casilda ist in Deutschland kein Begriff. In Spanien gilt sie als fromme Tochter eines Maurenkönigs, die eingekerkerten Christen Brot brachte und die Laibe, als sie ertappt wurde, in den Falten ihrer Kleidung verbarg, wo sie sich in Rosen verwandelten. Bei Francisco de Zurbarán aber ist sie eine Königin des Theaters. Mit der Grazie einer Burgschauspielerin posiert sie vor der graubraunen Wand, vor die der Maler sie gestellt hat. Lässig, als probte sie für die „Comedia de santos“, die Komödie, die der Dichter Lope de Vega der Heiligen gewidmet hat, rafft ihre Hand das Brokatgewand mit der edelsteingespickten Goldbordüre. Ihre Haare, von Perlenketten gehalten, fallen in Wellen über die spitzenbesetzte Seidenmantilla, die an ihrem Nacken befestigt ist. Nur das Gesicht ruht in kalter Demut in sich selbst. Die braunen Augen schauen nicht, sie starren ins Leere, der Mund ist fest geschlossen. Wenn Dulcinea, die Traumfrau des Ritters Don Quijote von la Mancha, einen Körper hätte, dann müsste sie aussehen wie die Casilda von Zurbarán.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Francisco de Zurbarán, dem Maler der spanischen Frömmigkeit, zerbricht die Einheit von Bildnis und Gegenstand, die bei El Greco eine Generation zuvor noch gehalten hat. Die Kunst wird Schauspiel, der Raum des Bildes zur Bühne. Das Konzil von Trient hat die religiösen Inhalte, der Caravaggismus die Lichtführung in der Malerei neu bestimmt. Bei Zurbarán trifft beides zusammen. Er malt mit dem Pinsel Caravaggios und den Augen des Inquisitors. Um seinen Platz in der Kunstgeschichte richtig zu bestimmen, muss man sich klarmachen, dass er Zeitgenosse von Velázquez wie von Descartes war. Hinter dem Künstlerfreund, der ihn am Hof Philipps IV. einführte, blieb er zurück, weil er dem Markt gab, was dieser verlangte.

          Nur der Hund interessiert sich für das Geschehen

          In den dreißiger und vierziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts war Zurbarán der Malerfürst von Sevilla, der heimlichen Hauptstadt Spaniens. Seine Madonnen und Märtyrer hingen in allen Klöstern und Kirchen, seine Bildserien von Aposteln und Heiligen reisten per Schiff in die Neue Welt. Dann trat er in den Schatten Murillos, der die lieblicheren Jungfrauen und Jesusknaben malte. Den Gedanken von Descartes aber hat er nie begriffen. Das Cogito verliert sich bei Zurbarán in den Falten der Kutten, die seine ekstatischen Asketen tragen. Seine Kunst kennt kein Individuum, nur den Gläubigen in seiner einsamen Hingabe an Gott.

          Dass von Zurbarán und seiner Werkstatt nur fünf Gemälde in deutschen Museen hängen (ein sechstes verbrannte 1945 in Berlin), spricht für sich. Die Kunstgeschichte nördlich der Alpen hat den strengen Meister ignoriert, auch bei Sandrart, ihrem Begründer, kommt er nicht vor. Insofern ist die Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, eine Kooperation mit dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid, eine Pioniertat. Sie versammelt 71 Werke des Malers, darunter eines aus dem eigenen Bestand, und acht Stillleben seines Sohnes Juán, der 1649 mit Ende zwanzig an der Pest starb. Die meisten Leihgaben stammen aus Spanien, viele auch aus Frankreich und Amerika, aus England fast keine. Auch hier galt das Vorurteil gegenüber den „abstoßenden Darstellungen mönchischer Fakire“, die der Berichterstatter einer Londoner Kunstzeitschrift 1853 beschrieb. Es waren die französischen Impressionisten, die Zurbarán wiederentdeckten, seine reiche Stofflichkeit, seine dunkle Inbrunst. Tatsächlich steckt in Manets Palette mehr Zurbarán als Tizian, wenn man von den Frauenkörpern absieht, für die der Spanier keinen Blick und kein Talent besaß.

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei der Stimmabgabe

          Wahl in Israel : Netanjahus Zukunft ungewiss

          Ausweg große Koalition? Zum zweiten Mal binnen fünf Monaten haben die Israelis ein neues Parlament gewählt. Ergebnis ist ein Nahezu-Patt zwischen Benjamin Netanjahu und seinem Herausforderer.
          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.