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Zum Tode Leonora Carringtons : Das Vogelmädchen

Als junge Studentin entschied sich Leonora Carrington gegen ihr britisches Elternhaus, für den Surrealismus und für Max Ernst. Doch zu einer Muse machte auch er sie nicht. Jetzt ist die Künstlerin in Mexiko-Stadt gestorben.

          Als Leonora Carrington in den dreißiger Jahren Kunst an der Londoner Akademie des Malers Amadée Oezenfant studierte, schenkte ihr die Mutter ein Buch über den Surrealismus. Den Umschlag zierte Max Ernsts „Zwei Kinder werden von einer Nachtigall bedroht“, eine Collage, die heute im New Yorker Museum of Modern Art hängt. Auf diesem finsteren, an Giorgio de Chiricos träumerische Visionen erinnernden Bild stiehlt sich eine geisterhafte Gestalt mit einem geraubten Mädchen über das Dach eines Gartenhauses davon.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Szene machte auf die junge Kunststudentin tiefen Eindruck und spiegelte in geradezu prophetischer Weise die dramatische Wende, die ihr Leben alsbald nehmen sollte. Denn wenig später lernte die knapp Zwanzigjährige Max Ernst anlässlich der Londoner Surrealismusausstellung von 1936 bei einem Abendessen kennen, zu dem Erno Goldfinger geladen hatte - der ungarische Architekt und Namensspender für Ian Flemings Bond-Schurken. Leonora Carrington brannte mit dem sechsundvierzig Jahre alten Ernst durch, obwohl der strenge Vater ihr verbot, je wieder über die Schwelle seines Hauses zu treten und sie warnte, dass sie ein mittelloses Künstlerleben führen werde.

          Der rebellische Zug in ihrem Wesen war schon früh zum Vorschein getreten. Leonora Carrington, geboren 1917, wuchs im nordwestenglischen Lancashire mit vier Brüdern in einer neogotischen Villa auf, ein Anwesen, das die Eltern mit ihrem Vermögen aus der Textilbranche erworben hatten. Die keltischen Märchen, die ihr das irische Kindermädchen erzählte, entfesselten ebenso die Phantasie des Kindes wie der mit Vögeln übersäte Zierrat des düsteren Hauses. Diese Kindheitsbilder fanden später in den von imaginierten Fabelwesen bevölkerten Bildern in bizzarer Abwandlung Niederschlag.

          Überhaupt verschlangen sich Wirklichkeit und Phantasie in dem abenteuerlichen Leben dieser Ausnahmeerscheinung. Sie, die mit Picasso, Miró, Breton, Dalí und Buñuel verkehrte, sich gern Späße erlaubte, wie mit Tintenfisch gefärbte Tapioka als Kaviar aufzutischen oder mit senfbeschmierten Zehen im Restaurant zu sitzen, ließ sich ungern als Muse der Surrealisten bezeichnen.

          Ausreise nach New York

          Die vier Jahre, die sie an der Seite von Max Ernst verbrachte, zunächst in Paris und später in der Provence, nahmen durch den Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende. Ernst wurde interniert und Carrington flüchtete nach Spanien, wo sie einen Nervenzusammenbruch und durch die Drogenbehandlung verursachte Wahnvorstellungen erlitt, eine Leidensphase, um die sie die kaltherzigen Surrealisten beneideten, statt sie zu bemitleiden.

          Durch die Heirat mit dem mexikanischen Diplomaten Renato Leduc, einem Freund Picassos, konnte sie schließlich nach New York ausreisen. Ein Gruppenbild, auf dem die selbstbewusste Carrington zu Füßen eitel aufgereihter Künstler sitzt, darunter Duchamp, Mondrian und Léger, hält die Wiederbegegnung mit Max Ernst fest: Er hatte in der Zwischenzeit Peggy Guggenheim geheiratet. Nach der gütlichen Trennung von Leduc ließ sich Carrington mit dem ungarischen Fotografen Emerico Weisz in Mexiko nieder. Hier schuf sie ihre Bilderwelt, in der sich das florentinische Quattrocento mit Surrealismus und den makabren mexikanischen Mythen mischt. Am vergangenen Dienstag ist Leonora Carrington im Alter von vierundneunzig Jahren gestorben.

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