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Zum Tod von Sigmar Polke : Aufklärer im deutschen Wohnzimmer

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Als Mitglied der Gruppe des „Kapitalistischen Realismus“ avancierte er zum unberechenbarsten Maler der Nachkriegszeit. Nun ist Sigmar Polke in der Nacht zum Freitag im Alter von neunundsechzig Jahren gestorben.

          Sigmar Polke war einer der bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit. Seine Aktion des „Kapitalistischen Realismus“ im Jahr 1963 gemeinsam mit Konrad Lueg und Gerhard Richter stand am Beginn einer neuen Zeitrechnung in der westdeutschen Kunstgeschichte. Die drei Künstler nahmen genüsslich die Wonnen und Sehnsüchte der Nachkriegsgesellschaft aufs Korn und persiflierten den „Sozialistischen Realismus“.

          Polke, Absolvent der Düsseldorfer Akademie, scherte dann noch weiter aus als seine Kollegen und machte aus dem Bild eine Bühne. Die Leinwand allein genügte nicht mehr. Der Bildrahmen bedeutete keine Grenze. Die Abstraktionsgeste der Nachkriegszeit, das Informel, wurde vehement gegen sich selbst gewendet. Sigmar Polke entfaltete dabei als Einziger einen feinen bis drastischen Humor in Bildern, die von Bildern handelten, einen Humor, der immer auch politisch gemeint war - es war seine Art der Kritik der Moderne.

          Durch Sigmar Polkes Ausstellungen kann man sich darum hindurchlächeln, sich zum Beispiel an der genialischen Absurdität des „Apparats, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ von 1969 erfreuen, ein Werk, das zwei Jahre nach seinem Studienabschluss an der Düsseldorfer Akademie bei Karl-Otto Götz und Gerhard Hoehme entstand. Im Jahr 1968 schuf er dann seine berühmte Mappe „Höhere Wesen befehlen“. Er führt uns darin die „Möglichkeitsformen einer Palme“ vor, die sein Wesen offenbaren: unter anderem mit der „Handschuhpalme“, der „Wattepalme“ und dann sehen wir, „Polke als Palme“. Er mokierte sich über Op-art und Pop-art, indem er sie verwendete. Mit den Protagonisten der Popart wurde er oft irrtümlich in einen Topf geworfen. Heilig war ihm tatsächlich nicht viel.

          Polke hat seine Prinzipien

          Was so fröhlich anmutet, täuscht jedoch. Von Paradiesen und Idyllen gibt es keine Spur im Werk Polkes. Manchmal gar meint man eine tiefe, düstere Traurigkeit zu spüren, die sich hinter manchem Kalauer verbirgt, eine Hilflosigkeit im Wunsch die Grenzen und Realitäten zu überschreiten: „Wir bauen den Fortschritt auf Stabilität“ - ein Wahlkampfspruch der CDU ist auf Polkes charakterstisch grob gerasterter Kopie mit „Schwachsinn“ ergänzt.

          Sigmar Polke wurde am 13. Februar 1941 in Oels in Niederschlesien geboren. Seine Familie floh 1945 nach Thüringen und übersiedelte 1953 nach West-Berlin, anschließend nach Düsseldorf. Dort begann er eine Glasmalerlehre und studierte von 1961 bis 1967 an der Kunstakademie in Düsseldorf, unter anderem bei Joseph Beuys. Sigmar Polke wurde so zum künstlerischen Forscher, der sich schließlich früh aus der Öffentlichkeit zurückzog und nur noch über seine Bilder mit den Menschen kommunizierte. Je mehr er ein Star wurde, desto seltener trat er auf. Sigmar Polke hatte seine Prinzipien.

          Sein Werk aber dominiert ein Stilpluralismus, der kaum zu erfassen ist, doch die Seele - dieses Wort hätte er wohl abgelehnt - war immer erkennbar und prägte sein Werk einzigartig: Seine Bilder und Collagen lassen einen am Werk eines Alchemisten teilhaben, er hat gerastert, kopiert, collagiert, montiert: Politik und Werbung, Dokumentation und Kuriosum, Supermänner, Filmszenen oder auch reine Albernheiten. In seinem Kölner Atelier experimentierte er wie in einem chemischen Laboratorium. Er nutzte dafür Silbernitrat, verschiedenste Lacke, Kunstharz, Schellack, unterschiedlichen Pigmentträgern, Eisenglimmer.

          Irgendwann verschwamm der gesellschaftspolitische Impetus

          Ein Höhepunkt in seiner Karriere war sicherlich, als er 1986 im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig wärmeempfindliche Bilder zeigte, die je nach Tagestemperatur in jeweils anderen Farben leuchteten. Er wurden mit dem „Goldenen Löwen“ für die beste künstlerische Leistung belohnt.

          Sigmar Polke war immer auch ein politischer Künstler, der zum Beispiel das Drama der Französischen Revolution mit expressiv-autonomer Malerei auszudrücken wusste. Bei all der Themen- und Stilmischung verschwamm der gesellschaftspolitische Impetus leider irgendwann. Eduard Beaucamp schrieb einmal in dieser Zeitung: „Mit seinen Manipulationen und Prozeduren ist Polke auch ein Erbe des späten, leider oft bombastischen Dalí, der mit Rastermystik und Nuklearphantasien die Durchdringungen von Natur und Kunst, von Geschichte und Gegenwart, von Makrokosmos und Mikrokosmos betrieb.“

          Suche nach den Abgründen in deutschen Wohnzimmern

          Mit dem Ruhm wuchsen die Formate. Für seinen großen Erfolg als Malerstar des zwanzigsten Jahrhundert sorgten in erster Linie seine Rasterbilder, deren Motivwahl immer wieder dem Dekorativen widersprach. Seine Suche nach den Abgründen in deutschen Wohnzimmern erfolgte im Geist von Aufklärung. Ein Mittel dazu war Witz, bis zum Sarkasmus. Sigmar Polke hat die deutschen Bildwelten unaufhörlich irritiert und nicht nur in der Kunstwelt. Er selbst allerdings hätte sich diese Suche nach seiner Seele verbeten. Daher folgt nun nur noch ein letzter, kurzer Gruß zum Abschluss. Sigmar Polke ist gestern im Alter von neunundsechzig Jahren in Köln gestorben.

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