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Zum Tod von Okwui Enwezor : Eine ganz neue Perspektive auf uns selbst

Dass wir heute selbstverständlich über den „postkolonialen Blick“ sprechen und mehr neue Kunst aus Afrika gezeigt wird, ist auch das Verdienst von Okwui Enwezor. Bild: dpa

Wenige haben den Blick auf die Kunstgeschichte so verändert wie er: Zum Tod des Kurators, Documenta-Leiters und Kunsttheoretikers Okwui Enwezor.

          3 Min.

          Auf einmal war alles anders: offener, weiter, wilder gedacht, großzügiger, verwirrender. Als 2002 die Documenta 11 in Kassel eröffnete, war der Muff, der die Großkunstausstellung immer wieder durchzogen hatte, verschwunden. Wo sich einst westdeutsche Künstler nicht mit ostdeutschen zeigen wollten und mit großer Verbitterung die ästhetischen und ideologischen Konflikte der westlichen Welt ausgefochten wurden, waren plötzlich Künstler aus der ganzen Welt zu sehen: Zarina Bhimji aus Uganda, Meschac Gaba aus Benin, neben den großen Raumutopien des in Paris lebenden Ungarn Yona Friedman die Phantasiewelten von Bodys Isek Kingelez aus Kongo. Die Documenta 11 riss vieles um, was bisher als Standard unter Kuratoren galt, und löste eine Schubumkehr aus: Die Großkunstschau zeigte, wie sehr – und wie sehr zu Unrecht – sich die europäische und die amerikanische Kunstwelt auch in den neunziger Jahren noch für den globalen Goldstandard gehalten hatte und was währenddessen anderswo herangewachsen war. Es war dabei eine der Qualitäten des Documenta-Kurators Okwui Enwezor, dass er in Kassel nicht einfach westliche Kunst durch nichtwestliche ersetzte, sondern sie in einem Spannungsverhältnis zeigte, das beide besser verstehen ließ – und oft auch zeigte, wie untrennbar sie durch die koloniale und postkoloniale Geschichte miteinander verbunden waren.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann den Einfluss von Enwezor, der 1963 als Sohn eines Bauunternehmers in Nigeria geboren wurde, auf die Kunstgeschichte und -theorie der vergangenen Jahrzehnte gar nicht hoch genug schätzen. Wenn heute auf Biennalen so routiniert von einem „postkolonialen“ Blick die Rede ist, als sei das nie anders gewesen, und dieser Blick gewissermaßen ein unabtrennbarer Teil der DNS von kritischer Gegenwartskunst selbst und ihrer Kuratoren – dann wird gern vergessen, dass das Interesse an afrikanischer und anderer nichtwestlicher Gegenwartskunst noch vor zwanzig Jahren oft als eine Form von special interest abgetan wurde. Das änderte sich nennenswert erst mit dem 1993 erstmals erschienenen Magazin NKA, das im Untertitel „Journal of Contemporary African Art“ hieß und von Enwezor zusammen mit Salah Hassan aus Cornell und Chika Okeke-Agulu aus Princeton herausgegeben wurde. Als NKA erstmals erschien, lebte Enwezor schon lange in New York. Im Alter von neunzehn Jahren war er nach Amerika gekommen, er hatte dort Literatur und Politikwissenschaft studiert, einige Gedichte veröffentlicht und war als Lyriker in der Knitting Factory aufgetreten – was niemanden wundern dürfte, der Enwezor später einmal bei einem seiner Auftritte erlebte, bei denen er seine theoretischen Statements so scharf und präzise wie Kurzpoeme vortrug. Als Kurator wurde Enwezor 1997 international bekannt mit der Biennale von Johannesburg. Sie trug den Titel „Handelswege: Geschichte und Geographie“ und beschäftigte sich mit den Folgen von Migrationsströmen, globalem Warenverkehr und mit der Frage, wie beides sich in Bildern und anderen Kunstwerken widerspiegelt. Seine spektakuläre Schau „The Short Century“, die 2001 in München und Berlin zu sehen war, beschäftigte sich mit der Kunst in Afrika seit 1945. Auch hier wurde der afrikanische Kontinent zum Spiegel und zur Gegenwelt europäischer Konflikte und Entwicklungen. Vitrinen mit Schallplattencovern afrikanischer Bands, dazu Malick Sidibés Fotografien von Tänzern dokumentierten etwa die Entstehung einer afrikanischen Popkultur, die nicht nur ein Abklatsch westlicher Discomoden war, sondern diese kreativ auseinandernahm und mit eigenen Traditionen, Stimmungen und Erfahrungen zu etwas ganz Neuem amalgamierte: Die ersten wirklich globalen Kulturleistungen, so die überzeugende These der Ausstellung, fanden in Afrika statt, nicht in den westlichen Industrieländern, die die Globalisierung als bloß ökonomisches Projekt über die Welt trieben. Diese Weltbetrachtung jenseits starrer Frontstellungen prägte Enwezors intellektuelles Projekt.

          Von Oktober 2011 an war er Leiter des Hauses der Kunst in München, das er zu einem Ort auch der wissenschaftlichen und künstlerischen Forschung ausbauen wollte. Seine Amtszeit, in der er unter anderem die Biennale von Venedig kuratierte, wurde von Skandalen etwa um die Unterwanderung des Hauses durch Scientology und Finanzprobleme erschüttert, die ihn auch persönlich angriffen; immer wieder beklagte Enwezor mangelnden Rückhalt durch die Bayerische Staatsregierung. Vor einem Jahr legte er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nieder. In der Nacht zum vergangenen Freitag ist Okwui Enwezor im Alter von nur 55 Jahren gestorben.

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