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Zum Tod von Lucian Freud : Der Mensch, bekleidet nur mit Malerei

  • -Aktualisiert am

Er war einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Im Monströsen seiner Körperbilder zeigt sich eine gesteigerte Menschlichkeit: Lucian Freuds Thema war die vom Verfall stigmatisierte Fleischlichkeit, zu der wir alle verdammt sind.

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          Auf eine radikale Moderne hat sich das politisch und gesellschaftlich gemäßigte England kaum eingelassen. Die Avantgarden gebärdeten sich, anders als auf dem Kontinent, ohne revolutionären und destruktiven Furor. Moderat blieb auch die Abstraktion. Umso eindrucksvoller behaupteten sich hier bedeutende Figurenmaler, die sich, ohne traditionalistisch zu werden, stärker von Frans Hals oder Vélazquez als von Zeitgenossen herausgefordert fühlten. Lucian Freud zählte zu den prominentesten, neben Francis Bacon und David Hockney. Der 1922 in Berlin geborene Maler Freud, der jetzt im Alter von beinahe neunundachtzig Jahren gestorben ist, war trotz seines vordergründig robusten, ja rüden „Realismus“ eine schwierige und vielschichtige Figur.

          Er hinterlässt manche Rätsel. So drastisch und enthüllend sein Gestus und seine Motive, besonders die meist massigen, akribisch geschilderten und schonungslos ausgeleuchteten „nackten Porträts“ sind, so verschlossen sind das innere Leben dieser Figuren und die Motivation des Malers. Freud, so schien es, betrieb den körperlichen Exhibitionismus, um den psychischen zu verleugnen, ja um das Innere zu versperren.

          Einzelgänger und Autodidakt

          Freud war ein Enkel des großen Wiener Seelenarztes und der jüngste Sohn eines in Berlin tätigen Architekten. Mit elf Jahren emigrierte das Kind 1933 mit seiner Familie von Berlin nach England. Freud besuchte Kunstschulen und nahm Unterricht, blieb aber im Grunde Einzelgänger und Autodidakt. Sein Werk bietet kontroverse Ansichten. Der erste Werkblock, entstanden bis in die späten fünfziger Jahre, ist scheu, verletzlich und labil. Die Bilder stecken voller Einsamkeiten, Depressionen und Ängste. Durch die meist transparent gemalten Werke geistern Erinnerungen an die Neue Sachlichkeit und den Surrealismus, an Schiele und Klee, an de Chirico, an Dix und Grosz, an Casorati und Schad.

          Freud war zu jung, um das Berlin der zwanziger Jahre erleben zu können. Seine Phantasie schöpfte aus mitgenommenen Büchern. Die Themen sind unverwechselbar: verstörte und traumatisierte Kinder, verschreckte Frauen mit starren, aufgerissenen Augen wie aus den Musterbüchern der Pharaonen, die sich hinter Blumen und Zimmerpflanzen verschanzen oder im Bett vergraben, Szenen aus Wohnungen, Kranken- oder Hotelzimmern, Studien von Melancholikern, aber auch entschlossene Selbstbildnisse und eher etwas makabre Stillleben.

          Konzentriert auf die Perfektionierung seiner Malerei

          Das leicht psychotische Frühwerk wurde zu Unrecht als Präludium abgewertet. Erst danach, so liest man, komme Freud zu sich selbst und male sich in seinen derben Körperporträts frei. Das Vorspiel gehört in Wirklichkeit zu den sensibelsten Schöpfungen eines Außenseiters in den heiklen vierziger und fünfziger Jahren. Der Umschwung ist radikal - eine Abkehr von der Psychologie zur Physiologie, von der hyperrealistischen, oft gläsern-kühlen und analytischen Präzision zum kompakten, undurchdringlichen Pathos der Malerei. Der empfindsame Freud wandelt sich zum fanatischen Materialisten, der fast alles verleugnet, was er vorher tat: die Spiritualität, die seelische Nuancierung und motivische Metaphorik. Das labile Menschenbild stabilisiert sich nun durch die pastose Malerei. Den Wechsel förderte sein Freund Bacon, der Meister kalkulierter malerischer Exzesse. Bacon habe ihm, so erzählte Freud, gezeigt, wie man „eine Fülle von Dingen in einen einzelnen Pinselstrich legen kann“.

          Freud hat sich bis zuletzt um diese Meisterschaft bemüht. Liebte er früher Glücksspiele, Wetten und Nachtclubs, konzentrierte er sich später nur noch auf die Perfektionierung seiner Malerei. Er erklärte, er wolle sich jetzt zu Tode malen, oder: Er male wie besessen „aus Angst, dass ihm die Zeit davonlaufen könne“. Wie ein modellierender Bildhauer traktierte er mit Farben und breiten Pinselzügen das Fleisch seiner Modelle.

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