https://www.faz.net/-gqz-72lra

Zum Tod von Emanuel Nunes : Elementarklangteilchen

  • -Aktualisiert am

Zwischen alter Musik und Moderne hat er nie Grenzen gezogen. Zum Tod des großen portugiesischen Komponisten Emanuel Nunes.

          Vor vier Monaten erlebte man Emmanuel Nunes noch voller Energie und Spannkraft bei den Kammermusiktagen in Witten. Dort wurde sein neuestes Werk uraufgeführt mit dem Titel „Peter Kein - eine akustische Maske“. Es entstand nach Texten aus Elias Canettis „Blendung“. Vier Sätze für Ensemble und Live-Elektronik, in denen Sprachphänomene, Sprachrhythmik, Sprachkommunikation, Sprachmelodik kompositorisch erkundet werden. Was sich trocken didaktisch anhört, präsentierte sich als das absolute Gegenteil: als bewundernswert souverän und eindringlich in Klang überführte Musik. Emmanuel Nunes selbst wachte mit dem SWR-Experimentalstudio Freiburg und dessen Leiter Detlef Heusinger über den elektronischen Part des Werkes, das kurz darauf noch eine weitere, triumphal gefeierte Aufführung in Zürich erfuhr.

          Ein umfangreiches Oeuvre

          Umso größer war jetzt die Bestürzung über die Nachricht, dass Emmanuel Nunes am letzten Sonntag in Paris gestorben ist. Nunes, 1941 in Lissabon geboren, war und bleibt einer der eigenwilligsten und aufregendsten Komponisten unserer Zeit, der in Deutschland zwar immer wieder aufgeführt wurde - vor allem auf den Festivals neuer Musik -, aber rätselhafterweise nie die Präsenz etwa eines Boulez oder Stockhausen erreichte, an deren Kompositionskursen er in den frühen sechziger Jahren teilnahm. Immerhin erhielt Nunes für mehrere Jahre, zwischen 1986 und 1992, einen Lehrauftrag an der Musikhochschule Freiburg, war auch Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen. Danach lehrte er als Professor für Komposition am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris.

          Da Nunes immer wieder Kompositionsaufträge von den wichtigsten Musikfestivals und Rundfunksanstalten erhielt, entstand im Laufe der Jahre ein umfangreiches Œuvre, das Orchesterwerke, Kammermusik, Vokalkompositionen und auch die Oper umfasst. Gerade Letztere, nach Goethes „Märchen“ konzipiert und betitelt, offenbart fast alles über die Musikästhetik von Nunes: Der reißende Fluss, der zwei Landschaften trennt, den man nur in einer Richtung mit einer Fähre überqueren kann, während man für den Rückweg den Rücken einer Schlange oder den Schatten eines Riesen besteigen muss, erinnert an die Prüfungswege in der „Zauberflöte“ und deren Symbolik.

          Zeuge der Kontinuität unserer Musikgeschichte

          Die Tiere, Pflanzen und Menschen bewegen sich meist sehr langsam durch den Klang-Raum, den Nunes für sein „Elementenspiel“ und für die „Verwandlungen“ gleichsam erbaut. Eine Musik voller Klangphantasien, Farben, komplexer Strukturen, in der die Musikwelten der Vergangenheit zwar aufscheinen, aber ebenso aufregend gegenwärtig klingen - nicht zuletzt durch die mit höchstem Raffinement eingesetzte Live-Elektronik, die sich mit den Vokal- und Instrumentalklängen nahtlos verbindet.

          Das gesamte Schaffen von Emmanuel Nunes kennt keine Trennung in alte Musik und Moderne. Sie kündet von der Kontinuität in unserer Musikgeschichte, zu der auch scheinbar radikale ästhetische Umbrüche gehören, die sich irgendwann wieder in die Geschichte einstellen. Das Werk von Nunes steht als Beweis dafür. Das macht seine bleibende Bedeutung aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Emmanuel Macron hatte ein enormes Eurogruppenbudget angedacht, nicht nur die Bundesregierung will diese Pläne ausbremsen.

          Gipfeltreffen in Brüssel : Das Euro-Budget ist ein Hirngespinst

          Frankreichs Präsident Macron hat große Pläne: Er wünscht sich einen großen neuen Haushalt für die Währungsunion. Nun kommen die Chefs der EU zusammen, um genau das zu diskutieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.