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Zum Tod von Bernd Pfarr : Eines Tages war die Kunst das Blitzeschleudern leid

Durch ihn kam in die lärmende Unruhe der Moderne das beglückend klassische Tableau. Der Zeichner Bernd Pfarr, der heute gestorben ist, war ein sanfter Unruhestifter, ein Meister der Harmonie von Tönen und Stimmungen.

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          Dr. Johnson hat bemerkt, eine predigende Frau errege die gleiche Art von Aufmerksamkeit wie ein Hund, der auf seinen Hinterpfoten läuft: "Es ist nicht gut gemacht, aber man ist überrascht, daß es überhaupt gemacht wird."

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Diktum des Kritikerpapstes illustriert die Phantasielosigkeit des Klassizismus. Warum sollte ein Hund, der sich am Menschen ein Beispiel nimmt, seine Sache nicht gut machen können? Die Bilder von Bernd Pfarr sind bevölkert von Tieren, die im aufrechten Gang eine gute Figur machen. Da ist der Hund, der nicht nur das Laufen gelernt hat, sondern das Radfahren und das Seiltanzen. Über eine Fernstraße hat er ein Seil gespannt. Darauf balanciert er mit einem Einrad, während er in einer Pfote einen aufgespannten Regenschirm hält.

          Ein Acrylbild des Friedens

          Der Artist erweckt nicht die Art von Aufmerksamkeit, die Johnson abgestoßen hat. Keine johlende, feixende Menschenmenge gafft zu ihm empor. In Reih und Glied stehen die Kraftfahrzeuge, denen er die Weiterfahrt versperrt, bis in den letzten Winkel des Bildhintergrunds. Kein einziger Autofahrer ist ausgestiegen, um gegen die überraschende Fahrtunterbrechung zu protestieren.

          Das Motiv hätte vielleicht auch dem Amerikaner Gary Larson für eine bissige Witzzeichnung einfallen können, aber unter den Händen Bernd Pfarrs wurde daraus ein Acrylbild des Friedens. Pfarrs Bildlegenden imitieren den novellistischen Ton der klassischen deutschen Literatur, um Anti-Novellen zu erzählen, um das Leben als unerhörte Begebenheitslosigkeit zu preisen. In diesem Fall: "Der gefürchtete ,Stau aus dem Nichts' findet zuweilen doch eine erstaunlich simple Erklärung."

          Meister der Balance

          Bernd Pfarr, der an diesem Dienstag im Alter von nur fünfundvierzig Jahren gestorben ist, war ein Meister der Balance, der Harmonie von Tönen und Stimmungen. Eine solche Wiedererschaffung des Klassischen war wohl nur in der vermeintlich niederen Kunst der komischen Zeichnung und Malerei möglich.

          Pfarr hat sein Leben in Frankfurt verbracht, am Zentralort zunächst der sozialen Bewegungen und später der gesellschaftlichen Mobilität. Er gehörte zum Kreis der Satirezeitschrift "Titanic", für die er vor Urzeiten den Bürobewohner Sondermann erfand, an dem alle Mutationen des Angestelltentypus in old und new economy spurlos vorübergegangen sind, weil ihm die Gesellschaft zur Natur wird, zur Quelle nie versiegender Verwunderung.

          Sanfter Unruhestörer

          Aus dem Graphikstudium wie aus Künstlerfreundschaften wußte Pfarr, daß sich an seinen Beruf die Rollenerwartung des Rebellentums knüpfte: ein reichlich rauher Job für einen Mann von sanfter Gemütsart, wie er es war. Denn er war ein Unruhestörer. Wo die antiklassische Moderne mit ihren Blitzschlägen die ewige Gleichförmigkeit des entfremdeten Daseins sprengen wollte, da unterbricht Pfarr den lärmenden Lauf der einander an Neuheit und Häßlichkeit überbietenden Dinge mit lautlos glückenden, zeitlos schönen Kunststücken.

          Er entrückt uns in eine beschauliche Welt, die man für die Welt seiner Kindheit halten würde, wäre er nicht erst 1958 geboren worden und also schon in die schrillen und grellen Sechziger hineingewachsen. Wenn er ein Kind seiner Zeit gewesen wäre, wenn sein Werk eine Provokation enthielte, dann wäre es die Kritik der Kritik des Idylls.

          Kein verlorenes Paradies

          Das Paradies, das er uns zeigt, in dem die Wölfe vielleicht nicht bei den Lämmern liegen, aber die Gazellen mit den Löwen Fußball spielen, ist kein verlorenes. Bernd Pfarr war von einem reinen Erkenntnisdrang beseelt, als hätte ihm Gott höchstpersönlich, der nette alte Herr mit dem langen weißen Bart, den er so oft gemalt hat, einen Paradiesapfel geschenkt, so daß er alles wissen wollen durfte, ohne darüber unglücklich zu werden.

          Seine curiositas war grenzenlos, aber sie zog ihn nicht ins Unendliche der Selbstrevision. Von seiner nächsten Umwelt wollte er immer noch mehr erfahren. "Interessant: Viele Turmspringer trainieren in den eigenen vier Wänden." So steht es unter einem Pfarrschen Bild, und wer will sagen, ob es nicht wahr ist? In seinen eigenen vier Wänden sammelte er Blechautos und Bücher, die er sich noch ins Krankenzimmer kistenweise kommen ließ, denn wenn er die Welt betrachtete, ging es ihm wie Gott: Er sah, daß es gut war.

          Im Frühjahr widmete das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover Bernd Pfarr eine Retrospektive. Am Eröffnungstag fanden in den Ausstellungsräumen der Stau aus dem Nichts wie auch das verwandte Phänomen des Lachens aus heiterem Himmel eine einfache Erklärung. Sie stand vor Augen, hing, wo sie hingehört: Bernd Pfarrs Kunst, unter den komischen deutschen Klassikern.

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