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Zum Tod des Kunsthändlers Jan Krugier : Einer mit Passion

Er gehörte zu den Größten und Auffälligsten im Kunstbetrieb: Der Kunsthändler und Galerist Jan Krugier ist am Samstag im Alter von achtzig Jahren gestorben.

          Was Jan Krugier vor allem auszeichnete, war der dandyhaft-stolze Abstand, den er gegenüber seinen Kollegen, gegenüber der Korporation der Kunsthändler durchzusetzen vermochte. Es genügte, den Mann mit schlohweißem Haar und karminroten Pausbäckchen, zwischen denen - Rauchverbot hin oder her - als Accessoire stets eine Havanna steckte, auf den Kunstmessen zu erleben. Immer arbeitete er an der Unübersehbarkeit, die seine Auftritte zu begleiten hatte. Er war dafür auch bestens ausgestattet: Welche Galerie konnte dem verblüfften Publikum schon immer wieder neu ein derartig prächtiges Feuerwerk mit Werken Picassos anbieten?

          Werner Spies

          Freier Autor im Feuilleton.

          Denn der beneidete Händler aus Genf wurde nach der Aufteilung des Erbes des Spaniers von der Enkelin Marina Picasso damit betraut, ihren Besitz zu verwalten. Und in der Tat überstiegen die Teile, die Marina und ihrem Halbbruder Bernard nach dem Tod ihres Vaters Paul zugefallen waren, bei weitem die Legate der übrigen Erben. Krugier konnte jederzeit einen Blick auf den ganzen Picasso vorschlagen. Neben Hunderten von Bildern, Tausenden Zeichnungen und Graphiken gehörte zum Fonds der Galerie eine großartige Auswahl von Skulpturen. Einige der spektakulärsten - die originale Assemblage, die dem Guss von „Frau mit Kinderwagen“ diente, oder die aus Brettern montierten „Badenden“ - zählen heute zum stolzen Besitz deutscher Museen. Der Kunsthändler vermittelte sie in den frühen achtziger Jahren an Peter Ludwig und an die Staatsgalerie Stuttgart.

          Dialog der Werke und Zeiten

          Kein Wunder, dass Krugier mehr und mehr begann, mit diesem unerhörten Schatz, über den er eifersüchtig wachte, selbst Museum zu spielen. In der Galerie, auf seinen Messeständen in Paris, Basel oder Maastricht kam es dabei regelmäßig zu Präsentationen, die den Rahmen der Veranstaltungen sprengten. Werke von Claude Lorrain, Delacroix, Géricault oder Victor Hugo nahmen an einer Konversation teil, die die Grenzen zur Moderne einreißen sollte. Das Vorbild Picasso legte Krugier nah, auch den eigenen Blick nach rückwärts, auf die Geschichte zu richten.

          Auf diese Weise entstand im Laufe der Jahrzehnte eine umfangreiche und eindrucksvolle Sammlung von Werken auf Papier. Unter deren 500 Arbeiten finden sich Blätter von Carpaccio, Fra Bartolommeo, Brueghel, Annibale Carracci, Rubens, Poussin, Rembrandt, Claude Lorrain. Sie führen einen Dialog mit Goya, Turner, Degas, Seurat, Cézanne, van Gogh, Klee, Picasso, Max Ernst und Balthus.

          Kein bleibender Ort

          Gewiss hat bei der Konzentration auf dieses Medium auch der Appetit seiner Frau, Anne-Marie Poniatowski, eine entscheidende Rolle gespielt. Sie ist eine wunderbare, alle Nuancen des Metiers eruierende Zeichnerin. Das Ensemble, das auf diese Weise entstand, wurde regelmäßig in Museen ausgestellt. Berlin, Paris, Venedig, Wien, München gehörten zu den Stationen vergeblicher Hoffnung. Denn welcher Museumsmann versuchte nicht, Jan Krugier zu einer Stiftung zu überreden? Daraus wurde nichts. Im Unterschied zu Heinz Berggruen oder Ernst Beyeler hat Krugiers großartiger materialisierter Blick auf die Nuance keinen bleibenden Ort gefunden.

          Zur Passion, die den Händler und Sammler auszeichnete, trat - und dies mag das Zögern zu erklären, sich irgendwo fest niederzulassen - eine spürbare Düsterkeit. Regelmäßig kehrten die begeisterten und kenntnisreichen Gespräche über Kunst zu dem existentiellen Erlebnis zurück, das Krugier geprägt hatte. Auschwitz, Tod und Vernichtung der Familie, Todesmarsch, Befreiung durch die Engländer in Bergen-Belsen, neues Leben dank einer Schweizer Familie, die den vierzehnjährigen polnischen Juden am Rande des Krieges zu retten vermochte.

          Zu den ersten entscheidenden Begegnungen gehörten die mit Martin Buber und Alberto Giacometti. Der junge Mann wollte Maler werden. Er arbeitete vorübergehend im Atelier von André Lhote in Paris. Dann eröffnete er seine erste Galerie. Jan Krugier war kein Entdecker, eher ein Mann, der seine Gewissheiten bis in die feinsten Verästelungen hinein zu genießen suchte. Doch einem Künstler fühlte er sich besonders nah, Zoran Music. Die Todesbilder, die dieser aus dem Konzentrationslager Dachau mitgebracht hatte, betrafen ihn und betreffen uns alle: „Wir sind nicht die Letzten“ nannte Music seine Leichenberge. Jan Krugier ist nun am 15. November in seinem einundachtzigsten Lebensjahr in Genf gestorben.

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