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Künstler Panamarenko gestorben : Der Kleine Prinz des Fliegens

Nur echt mit Zeppelin: Panamarenko im Jahr 2005 in der großen Retrospektive zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag im Königlichen Museum der Schönen Künste in Brüssel. Bild: Reuters

Der belgische Künstler Panamarenko konstruierte vor allem skurrile Flugmaschinen in der Tradition Leonardo da Vincis. Die Apparate fliegen zwar nicht, befreien aber die Gedanken von der Schwerkraft und beflügeln die Phantasie gewaltig.

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          Der Künstler und Erfinder Henri Van Herwegen, der sich ab 1962 „Panamarenko“ nannte, wird nicht mehr fliegen. Der am Sonntag im Alter von 79 Jahren verstorbene Belgier war zwar auch Maler, Bildhauer, Performance-Künstler und Poet, vor allem aber ist er als Konstrukteur eigenwillig artifizieller Luftfahrzeuge bekannt geworden. Schon früh von Wissenschaft und Technik fasziniert, erfand er gigantische Luftschiffe, Gleiter, Zeppeline und liebevoll murkelig zusammengeschweißte Fliegende Untertassen, die durch ihre optische Bleischwere oft eher die Unmöglichkeit oder zumindest übermenschliche Schwierigkeit des ästhetischen Phantasiefliegens verkörperten.

          Vom Archaeopterix zum Leonardo-Helikopter

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Obwohl Panamarenko der Futurismus von Leonardo da Vincis Flugapparaten ebenso wie derjenige sowjetischer Künstler wie Wladimir Tatlin imponierte, der bereits Ende der dreißiger Jahre ein fledermausähnliches Fluggerät von hoher Eleganz gebaut hatte, war ihm an „poetischen Konstruktionen“ gelegen. Zwar reklamierte er für alle seine Luftfahrzeuge potentielle Flugfähigkeit, abgehoben aber ist keines von ihnen. Ein halsbrecherischer Schneider von Ulm oder ein Otto Lilienthal wollte er nicht sein. Wenn er eine Serie von besonders archaisch wirkenden Wesen mit technoider Knochendrahtstruktur ab 1990 „Die Roboter-Hühner Archaeopterix“ nannte, verweist das somit stärker auf eine grundsätzlich imaginierbare Evolution des Gedankenflugs denn auf eine tatsächlich angestrebte Elevation in die Lüfte.

          Luftwurst in den Lichthöfen: Panamarenkos „Aeromodeller“ füllt die größten Museen der Welt mit utopischem Kalkül. Bilderstrecke
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          Die Flugbahn des 1940 geborenen begann in den Fünfzigern mit der Ausbildung an der Kunstakademie Antwerpen, wo ihn die Pop-Art wie auch die Schnittstellen von künstlerischer und ingenieurischer techné in der Tradition Leonardos inspirierten. Joseph Beuys, der im Aufbruchsjahr 1968 Panamarenkos „Flugzeug“ in Düsseldorf zeigte, wie auch der prophetische Documenta- 5-Leiter Harald Szeemann, der ihn 1972 mit dem „Aeromodeller“ passend im Kapitel „Individuelle Mythologien“ in Kassel unterbrachte, erkannten früh sein Potential. In den folgenden drei Jahrzehnten füllte er mit seinen Riesenzeppelinen und visuellen Phantasie-Ankurblern immer wieder utopische Lücken in Ausstellungen, häufig in den nach oben offenen Lichthöfen großer Museumshallen wie dem Museum der Schönen Künste in Brüssel, dem Madrider Kristallpalast oder der Moskau Biennale 1993.

          Der Künstler als Asteroid

          Als der Künstler mit Erreichen des fünfundsechzigsten Lebensjahres 2005 ankündigte, in den Ruhestand gehen zu wollen, waren viele in der Kunstwelt anfangs über diesen unerwartet bürgerlichen Renteneintritt befremdet. Die Begründung war aber so entwaffnend typisch, dass sie selbst schon wieder eine künstlerische Äußerung dieses „Konstrukteurs der Unmöglichkeit“ war - er habe so viele hangargroße Kunstwerke geschaffen, dass er schlicht „nicht mehr wisse, wo er sie alle lagern solle“. Ein Geschenk, das ihm im Geburtstagsjahr 2005 wohl mehr wert war als alle großen Retrospektiven war die Benennung des Asteroiden Nummer 12 702 nach ihm, so dass seither doch noch ein Flugkörper mit seiner Signatur über den Himmel zieht.

          Nun ist dieser radikale Utopist des Menschheitstraums vom Fliegen gestorben, im fünfhundertsten Todesjahr seines großen Vorbildes Leonardo.

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