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Zum Tod von Yona Friedman : Der friedliche Revolutionär

Yona Friedman 2016 an seinem Sommerhaus Bild: ddp/INTERTOPICS/Photoshot

Es waren seine Denkgebäude, nicht seine physischen Bauten, die ihn zu einem der wichtigsten Architekten der klassischen Moderne machten. Jetzt ist Yona Friedman im Alter von 96 Jahren gestorben.

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          Es gab ein wunderbares Ritual im Haus von Yona Friedman. Wenn Studenten ihn besuchten in seiner nicht besonders großen Wohnung am Boulevard Garibaldi, nahmen sie auf dem Fußboden Platz, und Yona Friedman kam irgendwann aus dem Nebenzimmer, wo er noch ein paar Skizzen und sein iPad gesucht hatte, und begrüßte die Gäste mit einer erstaunten Liebenswürdigkeit, wie jemand, der unerwartet in einem Dickicht auf eine verlorene Gruppe von Abenteuern trifft. Eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit, diese Wohnung im Pariser 15. Arrondissement, die Friedman seit 1968 bewohnte, überhaupt mit mehr als drei Leuten zu betreten, so sehr war sie mit Modellen, Zeichnungen, Souvenirs, Dingen, Kleinkram überwuchert: In Friedmans Wohnung zu gehen war, wie das Gehirn eines Architekten zu betreten, hineinzugehen ins Dickicht von Erinnerungen, Entwürfen, Assoziationen, Ideen: Zettel klebten an der Scheibe, Kollagen überzogen die Wände, Objekte hingen an Fäden von der Decke, Pappmodelle stapelten sich zu halsbrecherischen Phantasiestäden auf.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Yona Friedman, geboren 1923 in Ungarn, hat in seinem langen Leben fast nichts gebaut; dass er dennoch als einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts gilt, verdankt sich seinem enormen theoretischen Werk, den Denkgebäuden, die manchmal die Form von Traktaten, manchmal die Form poetischer Modelle annahm. Wer ihn treffen wollte, musste kein Vorzimmer anrufen, keine Bittschreiben verfassen: Seine Nummer stand im Pariser Telefonbuch. Wenn man ihn anrief, hörte man eine feine Stimme, die zögernd „Oui Allo?“ fragte, und dann fuhr man einfach zu ihm: Er freute sich über jeden, der mit ihm über Architektur oder das Leben reden wollte.

          Improvisierte Stegreif-Vorträge

          Noch im vergangenen Jahr, mit 95, als er schon fast taub war, empfing er Studentengruppen aus aller Welt, die Studierenden schrieben ihre Fragen auf einen Zettel, und Friedman saß an seinem Tisch, schlug die Beine ineinander und beantwortete alle Fragen mit der größten denkbaren Geduld und hielt einstündige improvisierte Stegreif-Vorträge über die Wichtigkeit des improvisierens. Er sprach immer wieder darüber, wie er als ungarischer Jude den 2. Weltkrieg nur knapp überlebte, wie er nach Haifa ging und dort als Architekturstudent die Gründung Israels erlebte; wie er Mitte der fünfziger Jahre nach Paris übersiedelte und ein Manifest publizierte, das den Verlauf der Architekturgeschichte ändern sollte. Mit seiner 1956 vorgestellten Idee einer „mobilen Architektur“ hatte Friedman einen der folgenreichsten Gegenentwürfe zum technokratischen Planungsfetischismus der klassischen Moderne geschaffen.

          Ihren Rastern setzte er die Idee von flexiblen Strukturen entgegen, in denen die Bewohner „mobil“ sein und mit Wandelementen machen können, was sie wollen. Friedman, ein früher Theoretiker der „Superimposition“, wollte die alten Städte und Plätze nicht abreißen wie die Brachialavantgardisten vor ihm, er wollte sie in die Höhe verdichten: 12 Meter hohe Pylonen tragen in seinen Plänen ein Raster von 20 mal 24 Metern, das von zwölf Meter breiten Straßen durchzogen wird. In diesen Parzellen sollte man Gras säen, Buden bauen, Plätze, Apartments, Läden, Theaterbühnen, Open-Air-Kinos errichten können.  Seine „Ville spatiale“ war ein Versuch, die Stadt auch als soziales Konstrukt mobil zu machen. Während Friedman als einflussreicher Lehrer in Princeton, Harvard und an der Columbia, auch als UN-Beauftragter, die Idee von flexiblen Selbstbau-Systemen bis nach Afrika und Indien verbreitete, zeigte zuerst Moshe Safdie, der sich großzügig bei Friedmans Ideen bediente, wie eine Ville Spatiale gebaut aussehen könnte.

          Safdie machte mit seiner Habitat-Siedlung 1967 in Montreal aus der Raumstadt einen aus Einzelhäusern zusammengewürfelten skulpturalen Wohnberg mit Dachterrassen - eine Raumstadt im Sinne Friedmans und seiner Idee von partizipatorischem Do-it-yourself war das aber nicht. Als urbanes Phänomen kommt die Favela mit ihren improvisierten Hütten dem Bricolage-Charakter der Friedmanschen Idee vielleicht am nähesten; sie ist sozusagen eine prekäre Raumstadt ohne planerisches Gestell.

          Friedman war ein großer Ermöglicher und Ermutiger, vielleicht der größte Optimist seiner Generation, und der größte Menschenfreund. Er zeigte noch weit nach seinem neunzigsten Geburtstag zahllosen Studenten, wie man jenseits von Investoreninteressen, ja sogar „ohne Architektur“ baut, wie sich aus Bambus, sogar aus Hula-Hoop-Reifen, stabile Türme errichten lassen, wie wenig es braucht, sich ein Habitat zu schaffen. Er war der erste Grasroot-Denker in einer Branche, die immer mehr daran glaubte, große Ideen nur mit enormen Beton- und Geldmengen umsetzen zu können. Immer wieder plädierte er für das Leichte, Improvisierte, ständig Anpass- und Verwandelbare, für das Einnisten und das Über-Bauen des Bestands als Strategie, für die Ermächtigung derer, die sich bauen eigentlich nicht leisten lönnen; die Herstellung teurer, Co2-intensiver Betongebilde war ihm vor allem im Alter zunehmend suspekt.

          Einmal kam es in seiner Pariser Wohnung zu einem kleinen Zwischenfall: Auf dem Boden seines Arbeitszimmers saßen, wie so oft, engst zusammengedrängt die Studenten, Friedman zerrte das Pappmodell eines Stadions aus den höheren Etagen eines Regals, in dem aber offenbar gerade seine Katze eingezogen war. Die Katze sprang erschreckt heraus, streckte die Pfoten aus, sah, dass die Landebahn von Studenten blockiert war und sprang miauend über deren Köpfe hinweg ins Nebenzimmer. Friedman lächelte erstaunt und sagte: „Seht, für uns ist es das Modell von etwas enorm Großem; für die Katze ist es ein richtig gutes Haus.“

          Am vergangenen Freitag ist Yona Friedman, der Vordenker einer leichten, sanften, wenig invasiven Moderne, im Alter von 96 Jahren gestorben.

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