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Zum Tod der Künstlerin Louise Bourgeois : Artemis und die prahlenden Männer

  • -Aktualisiert am

In Mythen und in Märchen findet sich der Schlüssel zu ihrem Werk: Louise Bourgeois, lange verkannt und dann eine der größten Künstlerinnen der Gegenwart, ist im Alter von 98 Jahren verstorben.

          Louise Bourgeois, die am Montag im Alter von 98 Jahren in New York gestorben ist, hat gleichsam zwei Leben gelebt. In jungen Jahren das einer weitgehend unbekannten Bildhauerin an der Seite eines bekannten amerikanischen Kunsthistorikers und Kunstethnologen - Robert Goldwater - , im Alter das einer erfolgreichen, international gefeierten Künstlerin. Ihre späte Entdeckung und ihr plötzlicher Ruhm hatten etwas Legendäres. Unbeeindruckt davon blieb nur sie selbst. Mit zunehmendem Alter zog sie sich aus der gefeierten Öffentlichkeit zurück und widmete die ihr verbleibende Zeit ganz ihrer Arbeit. Schon in den neunziger Jahren war sie bei keiner ihrer großen Ausstellungen mehr zugegen.

          Gegen Ende ihres Lebens hatte sie die Sonntagnachmittage ihren Besuchern gewidmet, einen jour fixe eingerichtet, zu dem man sich anmelden musste, denn der Platz in ihrem kleinen engen New Yorker Haus war sehr begrenzt. Ihre kleine zierliche Gestalt steckte in schlichter Kleidung, was zu ihrem bescheidenen Wesen passte. Auf der Wand hinter ihrem kleinen Arbeitstisch hingen Ausstellungsplakate, eigene und fremde, Briefe von Künstlern. Dazwischen hing von der Decke eine ihrer makabren Skulpturen, ein Prothesenbein.

          Der jour fixe galt der Welt draußen, an der sie nicht mehr teilnehmen konnte. Und in den Gästen sah sie den Sauerstoff, wie sie sagte, „l'oxygène“, den sie in diesen Stunden wie durch ein offenes Fenster einatmete, in jenem schmalen niedrigen Einfamilienhaus im viktorianischen Stil in Chelsea, das mit ihr in einer ebenso ehrlichen wie erschütternden Weise gealtert war und keine Renovierung zuließ.

          Die Fenster zum Garten erblindeten mit den Jahren unter den Staubschichten und verwehrten schließlich ganz den Blick nach draußen. Dieses Zuhause war wie ihre „Cells“, ihre begehbaren oder nur einsehbaren Räume, jene Orte der Erinnerung und des Vergessens, in denen die Sanduhr sichtbar ablief. Alles wurde dem natürlichen Prozess des Zerfalls überlassen. So hatten sich Leben und Kunst immer enger ineinander verschränkt.

          Mythischer Werkschlüssel

          Das Leben von Louise Bourgeois umfasst nahezu ein Jahrhundert. In Paris wurde sie am Weihnachtsabend 1911 geboren. Mitten im Quartier Latin am Boulevard Saint-Germain hatten die Eltern ihre Wohnung und ihre Galerie. Die Hausnummer ist zugleich die des „Café de Flore“, das wie das benachbarte „Deux Magots“ einstmals Künstler und Literarten von Picasso bis Sartre frequentierten. Ihre Jugend aber verbrachte Louise Bourgeois weitgehend in Choisy-Le-Roi und später in Antony an der Bièvre, wo die Eltern einen Besitz erworben und eine Restaurierungswerkstatt für alte Tapisserien eingerichtet hatten.

          Dieses Ambiente regte die Phantasie der jungen Louise an und hinterließ in ihrem Alterswerk seine Spuren in Spindeln, bunten Garnrollen, Woll- und Hanfknäueln, Garnrollenständern, keulenförmigen Nadelkissen, Nadeln und Scheren, die sie mit der Metapher des Fadens und den mythologischen Gestalten der drei Parzen, den Schicksalsgöttinnen, verband. Klotho stand an ihrer Wiege, Lachesis vermaß ihr langes Lebenswerk und Atropos schnitt den Lebensfaden ab. Diese antike Vorstellung wurde zu einem der großen Themen in ihren Skulpturen und Environments.

          In Mythen und in Märchen lässt sich ein Schlüssel zu ihrem Werk finden, vor allem zu ihrem szenischen Spätwerk, den „Lairs“ und „Cells“, jenen mit seltsamen, wie vom Zauber berührten Gegenständen möblierten und magisch beleuchteten Gehäusen, einige begehbar und hermetisch nach außen verschlossen, andere nur von außen voyeuristisch einsehbar durch blinde, häufig auch zerbrochene Fensterscheiben und schwenkbare alte Spiegel. Gleichnis- und symbolhaft wird das Schicksalhafte zur Sprache gebracht wie die Kunst der Arachne, aus Stroh Gold zu spinnen. Es kehren die vielen bekannten Versatzstücke wieder, die allen europäischen Märchen als Symbolträger dienen: die Spiegel, die die Wahrheit an den Tag bringen, die leicht zerbrechlichen, gläsernen Gefäße, die Herzen und Augen als Sitz und Spiegel der Seele, die Spindeln des Fleißes und der Mühsal, das Garn als Lebensfaden, das Weben, die Weberschiffchen, die spitzen langen Nadeln, die Symbolik der Farben, die Erotik und die bedrohlichen Werkzeuge wie Hackbeil und Säge, die für die Strafe bereitstehen. Märchen sind grausam. Und Louise Bourgeois liebte sie.

          Späte Anerkennung

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