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Zum Tod von Carolee Schneemann : Der Körper als Leinwand

Carolee Schneemann, geboren am 12. Oktober 1939 in Fox Chase, Pennsylvania, gestorben am 6. März 2019 in New York, Ende Mai 2017 in der Ausstellung „Carolee Schneemann. Kinetische Malerei“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst Bild: dpa

Ihr Beitrag zur Macht von Frauen über die Bilder von Frauen ist unermesslich. Ihre Kunst bezog ihre Schlagkraft aus parodistischen Impulsen: Zum Tod von Carolee Schneemann.

          Sie saß an einem warmen Frankfurter Frühlingsnachmittag in ihrer durch Falten geadelten Schönheit auf der Kante ihres Hotelbetts, wach, neugierig, schlagfertig. Gerade hatte man ihr in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk verliehen, und das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigte die Retrospektive, die zuvor in New York zu sehen gewesen war und für die sich Sabine Breitwieser vom Salzburger Museum für Moderne durch Carolee Schneemanns Lager gearbeitet hatte, um ein über Jahrzehnte vernachlässigtes Werk ans Licht zu bringen. Das war vor zwei Jahren. Gerade noch rechtzeitig.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie wies dorthin, wo man ihr die Brust entfernt hatte. Sie sagte, sie sei empfindlich gegen das Licht, und bat den Gast, je tiefer die Sonne sank, den Vorhang immer ein Stückchen weiter zuzuziehen, bis zu dem Punkt, an dem die Begegnung sich ein bisschen zu intim anzufühlen begann – was vielleicht dem Unbehagen ähnelte, das frühe Betrachter ihrer Kunst erfasste: des Films „Meat Joy“ von 1964 etwa, in dem Tänzer in Unterwäsche mit Fischen und Fleischstücken tobten. Des Films „Fuses“, in dem sie sich beim Sex mit ihrem Lebensgefährten zeigte und die Aufnahmen zerkratzte und überblendete. Oder der nur in Fotos dokumentierten Performance „Interior Scroll“, für die sie 1975 feministische Texte von einer Schriftrolle las, die sie aus ihrer Vagina zog. Es dauerte eine Zeit, bis man anerkennen konnte, welch ein Meisterwerk das war. Feministinnen warfen ihr vor, sie erfülle männliche Phantasien. Männer warfen ihr vor, sie mache keine Kunst. Viele nannten es Narzissmus.

          Im Jahr 1959 flog sie vom New Yorker Bard College, weil sie Akte von sich selbst gemalt hatte – zu einer Zeit, als Yves Klein Frauen als lebende Pinsel einsetzte. Aber es ist ja auch eine Herausforderung, einfach alles ineinanderzublenden: Künstler, Modell und Material. Cindy Sherman und Marina Abramović haben davon gelernt. Und die Cohen-Brüder machten ihre Performance „Up to and Including Her Limits“, für die sie an Gurten baumelte und zufällige Kreidespuren an Wänden hinterließ, im Film „The Big Lebowski“ berühmt. Die dürfte sich schon im Original wie eine Parodie auf Kunst ausgenommen haben. Tatsächlich bezog Schneemanns Kunst ihre Schlagkraft aus parodistischen Impulsen: Sie stülpte das unterdrückte Innere der Kunst nach außen. Und das mit einer Unbekümmertheit, die nichts Naives und Spontanistisches hatte, sondern im unerbittlichen Gespräch mit der Kunstgeschichte stand.

          Die Retrospektive erinnerte an die starke, wagemutige Malerin, die den zerrissenen Strich von Cézanne und de Kooning weiterführte. Und zeigte Beiträge zur kinetischen Kunst, mit Leinwänden, die von Motoren gedreht wurden und an denen Federn und Dosen baumelten. Carolee Schneemanns Beitrag zur Macht von Frauen über die Bilder von Frauen ist unermesslich. Am Mittwoch ist sie im Alter von 79 Jahren in New York gestorben. Der Brustkrebs hat sie geholt.

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