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Zum Tod der Fotografin Sibylle Bergemann : Schönheiten hinter der Berliner Mauer

Wie so viele Künstler und Kreative der DDR ging auch Sibylle Bergemann verschlungene Wege, bis sie zu ihrer wahren Profession fand. Als Modefotografin und Fotojournalistin hat sie dann Epoche gemacht. Jetzt ist sie im Alter von 69 Jahren gestorben.

          Die wohl berühmteste Modeaufnahme von Sibylle Bergemann entstand bei schlechtem Wetter. Sie zeigt zwei Frauen in schwarzen Kleidchen am Ostseestrand. Man sieht sie von hinten, aber sie blicken sich mürrisch um, als seien sie von der Fotografin gestört worden. Sibylle Bergemann nahm das Schwarzweißfoto „Marisa und Liane, Sellin“ 1981 für die DDR-Frauenzeitschrift „Sibylle“ auf. Es war ein Foto, dem ein Minimum an Inszenierung vorangegangen war, während zur gleichen Zeit Modemagazine wie „Vogue“ und „Elle“ auf der anderen Seite der Weltkugel ein Maximum der Inszenierung verlangten und Fotostrecken in der grellen Karibiksonne produzieren ließen, die in ihrer Künstlichkeit und Strahlkraft den achtziger Jahren ein Gesicht geben sollten. Bergemann aber hielt sich 1981 an die Wirklichkeit: Es war kalt, die Fotomodelle froren, warum also sollten sie lächeln?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Modefotografin in der DDR musste sie sich stets rechtfertigen. Das elitäre Prinzip der Mode, eine Frau als Individuum zu präsentieren, passte nicht zum Sozialismus. Die wenigen Magazine, die über Mode berichten durften, wurden vom Zentralkomitee kontrolliert. Der Zensur fiel auch Bergemanns Ostseefoto zum Opfer. Das Komitee verlangte, dass die Mundwinkel der beiden Frauen nach oben retuschiert wurden – eine sozialistische Frau hatte fröhlich auszusehen. Sibylle Bergemann ging wie viele Kreative in der DDR verschlungene Wege, bis sie zu ihrer Profession fand. Als Sekretärin arbeitete sie in der Bildredaktion der Zeitschrift „Das Magazin“. Tippen und Sortieren langweilten sie bald, und sie begann sich mit den Fotos zu beschäftigen, die sie umgaben. Auf einer Vorlesung lernte sie ihren späteren Ehemann, den damals schon bekannten Fotografen Arno Fischer, kennen und ließ sich von ihm zur Fotografin ausbilden. Ihre gemeinsame Wohnung am Schiffbauerdamm war bald Treffpunkt für Fotografen und Künstler aus Berlin und dem Ausland.

          Gemeinsam mit Kollegen gründete sie die Gruppe „Direkt“, die ein sozialdokumentarischer Stil verband und die von regimetreuen Journalisten als „Friedhofsfotografen“ verhöhnt wurden. „Wir zeigten einfach nur, wie es wirklich war“, kommentierte sie später. Berühmt wurde ihre Fotoserie über die Entstehung des Marx-Engels-Denkmals hinter dem Palast der Republik, die zwischen 1975 und 1986 entstand und die ein Paradebeispiel ihrer Geduld war, den richtigen Moment für ein Foto abzuwarten, ohne selbst in die Szenerie einzugreifen.

          Ihre Auftraggeber waren nicht so geduldig wie sie

          Auch ihre Modefotografien zeigten den unverstellten Blick. Als Kulissen für die Kleider wählte sie Industriegebäude oder die bröckelnden Fassaden in Berlin-Mitte. Sie fotografierte inmitten des grauen DDR-Alltags, lange bevor der Einbruch des Realen in den neunziger Jahren auch die westlichen Modemagazine erreichte und Fotografen wie Jürgen Teller das hässliche Moment als Kategorie einführten.

          Nach der Wende wurde es schwieriger für Sibylle Bergemann. Gemeinsam mit sechs anderen Fotografen gründete sie 1990 die Agentur Ostkreuz. Ihre Alltagsstudien waren weiter gefragt, aber in der exaltierten Modewelt konnte die kleine Frau mit der leisen Stimme nur schwer Fuß fassen. Zu gering war die Geduld der Auftraggeber, die unglaubliche Energie der schüchternen Fotografin zu erkennen, mit der sie jeden einzelnen Auftrag anging. Einmal besuchte sie eine Moderedaktion in München – und kehrte ohne Auftrag nach Hause. „Wir hatten nicht gelernt, uns zu verkaufen, besonders ich konnte das nicht“, sagte sie später.

          Viele Jahre lang war sie für Reportagemagazine in der Welt unterwegs. Für das Magazin „Achtung“ fotografierte sie 2008 noch einmal eine Modestrecke in einem heruntergekommen Berliner Ballsaal. Sie hatte nur einen Assistenten an ihrer Seite und nur einen halben Tag Zeit – und schuf in grellem Licht zum letzten Mal Fotos von irritierender Eindringlichkeit. Nach langer Krankheit ist Sibylle Bergemann in der Nacht zum Dienstag mit 69 Jahren gestorben.

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