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Zum Tod Bernhard Heisigs : Das Weltgericht im Selbstversuch

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Bis zuletzt rang er mit der deutschen Geschichte. Am Freitag ist der Maler Bernhard Heisig, Übervater der Leipziger Schule, im Alter von 86 Jahren gestorben. Heisig, zu dessen Meisterschülern Neo Rauch zählt, galt als einer der wichtigsten Vertreter der DDR-Kunst.

          Der Maler Bernhard Heisig, einer der wichtigsten Vertreter der Kunst der DDR, ist tot. Er starb, wie sein Galerist Rüdiger Küttner mitteilte, am Freitag im Alter von 86 Jahren in seinem Wohnort Strodehne an der Havel in Brandenburg.

          Heisig hatte im März zwei Schlaganfälle erlitten. Der 1925 in Breslau geborene Maler, Grafiker und Zeichner gilt neben Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer als Gründer der „Leipziger Schule“. Bekannt wurde unter anderen sein Porträt des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, das bereits vor der Wende in Auftrag gegeben worden war. Zu Heisigs bedeutendsten Schülern gehört der Maler Neo Rauch.

          In seinem Nachruf für die F.A.Z. vom 11. Juni 2011 schreibt Eduard Beaucamp:

          „Leben und Werk von Bernhard Heisig boten verwirrende Ansichten. Der Maler war in der DDR ein Hauptrepräsentant, ja Übervater der Leipziger Schule. Doch es gab in der öffentlichen Karriere viele Turbulenzen. Schon 1961 wurde Heisig Rektor der Leipziger Hochschule, schaffte den politischen Unterricht als Grundkurs ab und etablierte eine Malklasse. 1964 wurde er wieder abgesetzt. 1968 quittierte er den Dienst, schlug sich freiberuflich durch, kehrte erst 1976 in die Hochschule zurück und stieg alsbald noch einmal zum Rektor und mächtigen Vizepräsidenten des Künstlerverbands der DDR auf. Ein Nach-Wende-Streit tobte 1998 um seinen Beitrag zum Reichstag, ein kaleidoskopartiges Breitformat, das sein Lebensthema einer tragischen deutschen Geschichte verdichtete. Nun hielt man dem Maler seine Jugend im Dritten Reich vor - Heisig hatte als Halbwüchsiger im letzten Kriegsjahr in der SS-Panzerdivision 'Hitlerjugend' an der Westfront und bei der Verteidigung der 'Festung Breslau', seiner Heimatstadt, gekämpft. Die vielfachen Geschichtsbrechungen in seiner Biographie wurden zum unruhigen, quälenden Nerv seines Werks.

          Seit die Leipziger Malerei gegen Ende der sechziger Jahre im Westen bekannt wurde, faszinierte an ihr das, was die neuere westliche Kunst selten bietet: die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Heisig war einer der großen Maler wider das Vergessen. Er fühle sich, so sagte er einmal, „mehr verpflichtet, die Rolle eines Gedächtnisses zu übernehmen anstatt Utopien zu entwerfen“. Heisig nahm für sich die Abstandstheorie seines Ahnen Otto Dix in Anspruch, der mehr als zehn Jahre gebraucht hatte, um die Schrecken des Ersten Weltkriegs zu bewältigen. Erst langsam, so Heisig, „wuchs ein Schuldbewusstsein in mir hoch“. Auch im Westen dauerte es mehr als ein Jahrzehnt, bis sich bei Protagonisten wie Beuys oder Vostell die zerrüttete Erinnerung in Bildern, Installationen und Aktionen Bahn brechen konnte. Heisig musste lange um eine Bildsprache ringen, um das Jahrhundertdesaster angemessen darstellen zu können. Die großen Begleiter, Mentoren und Vorbilder auf diesem Lebensweg waren Corinth, der spätere Kokoschka und vor allem Beckmann. [...]

          Heisigs beste Bilder machen Geschichte als inneres Geschehen transparent, sie legen die Beweggründe frei. Der Künstler war ein großer Diagnostiker: Er spürte Krisen und kollektive Neurosen auf, er analysierte die Mechanismen des Gedächtnisses und des Vergessens. Manchmal tasteten sich seine Gewissenserforschungen und Selbstversuche zu psychoanalytischen Studien vor. [...]

          Letzte Bilder trieben die Krise und Spaltung auf pathologische Spitzen: Bilder mit dem Titel 'Pflichttäter' wühlten noch einmal auch die eigene Kriegsschuld auf und zeigten die Verspannung zwischen gutem Gewissen und schlimmer Tat; Bilder mit dem Titel „Hans und Hänschen“ verfolgten die Aufspaltung eines wahnwitzigen Kriegsträumers in das Kind und den Mann. In seinen verknäuelten Bildern ist Heisig Täter und Opfer, Betroffener und Anstifter, der entsetzte Diagnostiker und Moralist und zugleich der faszinierte Dompteur der entfesselten Leidenschaften. Heisig war unlösbar in die Widersprüche seiner Epoche und seines Weltbilds verstrickt. Das alte Goya-Dilemma von lustvoller Verwicklung und erschreckter Abwehr kehrte bei ihm wieder.“

          * * *

          Nach dem Ende der DDR gab Heisig seine DDR-Nationalpreise zurück und trat aus der SED aus. Wegen seiner staatstragenden Rolle in der DDR und weil er sich als Freiwilliger zur Waffen-SS gemeldet hatte, gab es zunächst Widerstand gegen den Auftrag, die Cafeteria des Bundestages im Berliner Reichstag auszugestalten. Nach langer Debatte schuf Heisig dann einen sechs Meter langen Geschichtsfries für den Raum. Im März 2005 eröffnete der damalige Kanzler Gerhard Schröder eine Retrospektive im Museum der Bildenden Künste in Leipzig (siehe auch Gerhard Schröder eröffnet die Heisig-Retrospektive in Leipzig).

          Lesen Sie auch den Archiv-Beitrag von Joachim Fest: Bernhards Heisigs Werk: Das nie endende Menetekel der Geschichte

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