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Heinz Mack vor seinem „Wandrelief für ein Musikzimmer“ von 1955 Bild: Archiv Atelier Heinz Mack

Heinz Mack zum Neunzigsten : Eine neue Kunst durch die Idee des Fests

Der „Zero“-Künstler Heinz Mack wird neunzig Jahre alt – und neu entdeckt: Denn die Kunst der Gegenwart kann von seiner optimistischen Avantgarde lernen. Eine Würdigung zur Feier des Tages.

          5 Min.

          Ein Mann geht in die Wüste. Er trägt einen silbern funkelnden Anzug, er sieht nicht aus wie von dieser Welt, und es ist auch nicht sicher, ob man sich hier überhaupt noch auf der Erde befindet oder auf einem neuen Planeten. Auf diesem Planeten wächst eine rätselhafte Stadt aus extremen Hochhäusern: Stelen mit Reflektoren, Wolkenkratzer, in deren Metallfassaden sich das Morgenlicht bricht; Muster flackern auf, das sich verändernde Licht verändert auch die Form der Objekte, die so rätselhaft sind wie die schwarze Stele in „2001 – Odyssee im Weltraum“. Die blitzenden Muster auf den eigenartigen technoiden Aluminium-Gewächsen überlagern sich im Auge mit den Rillen im Sand, die der Wind formte. Selten jedenfalls sah deutsche Kunst nach 1945 so futuristisch, so begeistert von neuen Materialien und Dimensionen aus.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Mann, der in diesem Film aus dem November 1968 durch die Wüste läuft, ist Heinz Mack, geboren 1931 im hessischen Lollar, Mitbegründer der Künstlergruppe „Zero“, deren Name bei der Gründung 1957 Programm war: Bei null anfangen. Die Kunst neu denken. Schon damals hatte er den Plan, den White Cube zu verlassen und das zu tun, was später Land Art genannt wurde.

          In diesem November – dem November, in dem Beate Klarsfeld auf dem CDU-Parteitag Bundeskanzler und Ex-NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger ohrfeigt und in Berlin, wo Horst Mahler vor dem Landgericht steht, massive Krawalle stattfinden – fährt Mack in die tunesische Wüste östlich der Oase Kebili und errichtet dort, bekleidet mit einem Anzug aus quecksilberbedampfter Kunstseide, seinen blitzenden „Jardin Artificiel“ aus Lichtstelen, metallischen Kuben und Segeln und Sandreliefs.

          Beim Bau seiner Techno-Fata-Morgana lässt er sich filmen; das Werk ist auch eine Performance, Teil eines frühen Medienkunstwerks. Der Film „Tele-Mack“, koproduziert vom WDR, ist selbst ein kinetisches Kunstwerk für die Massen, mit dem übers Fernsehen Gegenwartskunst und utopische Schönheit verbreitet, das Denkbare gezeigt werden sollte. Auch das war Teil der Mack-Revolution von 1968: In dem Jahr, in dem der schamanisch auftretende Beuys das Wort „Intuition“ in Holzkästen schrieb, wollte Mack das Fernsehen nutzen als neuen Ausstellungs-, besser gesagt: als kollektiven Anschaltungs-Raum des Kommunikationszeitalters. Sein Lichtgarten „im zivilisationsfreien Raum“, die Welt aus künstlichen Sonnen mit rotierenden „Lichtformationen“, brachte Romantik und Technikglauben zusammen und setzte die Arbeiten fort, die Mack bekannt gemacht hatten.

          Seit den späten fünfziger Jahren hatte Mack das stets veränderliche Licht zum eigentlichen Material seiner Kunst gemacht, die Aluminiumkonstruktionen waren gewissermaßen nur die Trägerraketen dafür. Macks Kunst zeigt die gleiche Faszination für das Serielle, Maschinelle wie Pop-Art und Minimal – das Entscheidende aber, das eigentliche „Werk“, ist das plötzliche Aufblitzen eines unkontrollierbaren, intensiven Effekts. Gemeinsam mit Otto Piene und Günther Uecker von der Zero-Gruppe baute Mack den „Lichtraum“ für die Documenta 3 von 1964, eine Arbeit, die technoid und zauberhaft war im Doppelsinn des Wortes Schein-Werfer: ein Gerät zur Erhellung des Umfelds und eine Maschine zum Erzeugen von blitzartigen Fiktionen, Illusionen, Schattenspielen.

          Optimistische Technikträume

          Mack trieb die optimistischen Technikträume der Moderne auf die Spitze – mit blinkenden Wüstengärten und schwimmenden Plexiglaskörpern zwischen den Eisschollen der arktischen Baffin Bay und mit funkensprühenden Feuerschiffen, die an demokratische Versionen höfischer Festarchitekturen erinnerten. Man findet in seinem Werk Spuren der romantischen deutschen Licht- und Glas-Moderne – von Mies van der Rohes Glashochhausplan, von Paul Scheerbarts fantastischem Roman „Lesabéndio“ von 1913, wo ein zehn Meilen hoher Turm auf einem fernen Asteroiden errichtet wird, auch von der Lichtreligion der deutschen Lebensreformer der Jahrhundertwende – nur eben befreit von allem raunend Völkischen, das Lichtmaler wie Fidus später auf direktem Wege in die Arme der Nationalsozialisten trieb. Man kann sagen, dass Mack die hellen Seiten der utopischen deutschen Moderne wiederbelebte – allein darin ist sein Werk sehr politisch und keineswegs, wie einige Kritiker unkten, ein Versuch, „alles Politische zu verdrängen“ und „den Glauben an die Schönheit wiederzugewinnen“.

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