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500. Todesjahr des Malers : Was uns an Hieronymus Bosch fasziniert

Im 500. Todesjahr des Malers stellt ’s-Hertogenbosch Figuren aus den Gemälden von Hieronymus Bosch als Skulpturen im öffentlichen Raum aus. Bild: dpa

Dürer, Holbein und van Eyck waren innovativer als er, doch kein anderer nordeuropäischer Maler der frühen Neuzeit ist berühmter. Der Name Hieronymus Bosch ist zum Synonym für unser Unbehagen in der Zivilisation geworden.

          Gestorben ist er in ’s-Hertogenbosch, seiner Geburtsstadt, die er nie für längere Zeit verlassen hat und nach der er sich auch nannte: Bosch, Hieronymus Bosch. Der Vater hieß Antonius van Aken, weil seine Vorfahren aus Aachen in die niederländische Grafschaft Geldern gezogen waren, und so, als Hieronymus van Aken, taucht der Maler auch in den zeitgenössischen Dokumenten auf. Nur auf den eigenen Bildern firmierte er als Hieronymus Bosch, aber das reichte, um den Namen durchzusetzen. Nur gut zwanzig Gemälde gelten als authentisch, doch das ist immer noch mehr, als es an schriftlichen Zeugnissen über das Leben des Malers gibt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nicht bekannt ist sogar, wann genau er starb. Man weiß immerhin durch das dokumentarisch überlieferte Datum seiner Beerdigung, dass es im August 1516 gewesen sein muss, und schon die Tatsache, dass der Todestag selbst in Vergessenheit geraten ist, spricht nicht für übergroße Prominenz des Malers zu Lebzeiten. Heute ist das ganz anders: Kein anderer nordeuropäischer Meister der frühen Neuzeit ist berühmter als er; nicht die Brüder van Eyck, die am Beginn der nordischen Malerei stehen, nicht Rogier van der Weyden, auch nicht Albrecht Dürer oder Hans Holbein der Jüngere. Sie alle waren innovativer als Bosch, haben aber eines nicht zu bieten, was Künstler und Kunstgeschichtsschreibung seitdem meinen mehr schätzen zu müssen als alles andere: Phantasmen.

          Seine Motivwelt gehört ins Mittelalter

          Ausgehend vom Siegeszug der Metaphysischen Malerei, des Dadaismus und des Surrealismus, wollte das Publikum des 20. Jahrhunderts in Hieronymus Bosch einen Vorläufer der Moderne erkennen. Doch seine uns bizarr und grausam erscheinenden Gesichter bildeten kein phantastisches Panoptikum. Sie sind das getreue Abbild einer immer wieder von Seuchen und Krieg heimgesuchten Welt, deren Bewohner entsprechend versehrt aussahen. Dagegen entspringt das, was uns skurril, ja geradezu niedlich erscheint - die Fabelwesen am Rande seiner großen Höllen- oder Versuchungsdarstellungen -, dem Versuch Boschs, Schrecken zu erzeugen.

          Heute jedoch sind diese Staffage-Monster als Poster und Nippes weltweit so verbreitet wie sonst wohl nur Raffaels Engelchen auf der Sixtinischen Madonna - auch sie ein missverstandenes und missbrauchtes Relikt tiefer Religiosität in einer säkularisierten Gesellschaft. Doch ganz anders als Raffael ist Boschs Name überdies noch zum Synonym geworden für eine bestimmte Form von zivilisatorischem Unbehagen, hierin nur noch vergleichbar mit Franz Kafka.

          Der Sprung, der zu Boschs Zeiten in der Kunst vollzogen wurde, war ein handwerklicher, kein metaphysischer. Der Maler gehört mit seiner Motivwelt noch ins Mittelalter, so wie Kafkas Schreiben in den Gleichnissen und Traditionen des Judentums wurzelt. Unser Empfinden von Modernität entsteht nicht zuletzt durch Unkenntnis des Alten.

          Er malte auch für den König in Madrid

          Ein Höllensturz von Bosch wird heute nicht mehr so gesehen, wie er ihn gemalt hat: als Abbild einer als höchst real geltenden Drohung, für die es aber an Anschaulichkeit fehlte, weil niemand aus dem Reich der Toten zurückgekehrt ist. Also malte Bosch sich buchstäblich aus, was dort geschehen würde, und er knüpfte dabei mit seiner Symbolik an Allegorien und Traditionen an, die weitaus älter waren als er selbst.

          Nur tat er das mit den künstlerischen Mitteln einer neuen Zeit - ob das die Maltechnik mit Ölfarben war oder der über die eigene Region hinausgehende Austausch zwischen Künstlern und Kunden. Bosch, als Niederländer Untertan der spanischen Krone, malte in ’s-Hertogenbosch auch für den König in Madrid. Noch heute hängt der größte Bestand seiner Bilder im Prado.

          Schöne Schauder in einer freundlichen Stadt

          Dort findet noch vier Wochen lang die größere der beiden Jubiläumsausstellungen zum 500. Todesjahr statt; fast alle erhaltenen Gemälde sind in Madrid versammelt, während die Heimatstadt ’s-Hertogenbosch zuvor für ihre Schau auf einige verzichten musste, dafür jedoch fast alle bekannten Zeichnungen zusammentragen konnte, darunter eine, die noch nie gezeigt worden war. Zuvor hatten sich die Organisatoren über Abschreibungsfragen zerstritten: Ein niederländisches Expertenteam, das entscheidend an der Vorbereitung der Ausstellung in ’s-Hertogenbosch beteiligt war, hatte die Eigenhändigkeit dreier Madrider Werke angezweifelt, worauf der Prado kurzerhand die Zahl seiner Ausleihen reduzierte. Dem Erfolg war das nicht abträglich. Die 85 Tage währende niederländische Ausstellung war schon vor Beginn so gut wie ausverkauft. Die Besucher kamen, wie jetzt auch wieder in Madrid, aus der ganzen Welt. Hieronymus Bosch ist heute für seine Heimatstadt ein Wirtschaftsfaktor.

          Die Gäste brachten die Erwartung mit, dass ihnen der schöne Schauder von Bosch-Bildern geboten würde, doch ’s-Hertogenbosch ist eine helle, freundliche Stadt, und das war sie schon vor 500 Jahren, als der Maler dort am Marktplatz in einem stattlichen Haus lebte, das er sich auch dank seiner reichen Frau hatte kaufen können. Dieses Haus ist längst verschwunden. Bis ’s-Hertogenbosch wusste, wen es da zum Bürger gehabt hatte, mussten 500 Jahre vergehen.

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