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Zürcher Kunstschau Manifesta : Was die Leute alles für Geld machen

Der Austausch zwischen Künstlern und Gastgebern als Konzept: In Zürich kommt die Manifesta in der Realität an und bleibt zugleich bei der Kunst.

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          Warum zog Vladimir Nabokov in die Schweiz? Wegen der Schmetterlinge. Auf Streifzügen über Alpenwiesen fand er seine Forschungsgegenstände. Die letzten sechzehn Jahre seines Lebens verbrachte er zurückgezogen mit seiner Frau Véra im Hotel Palace in Montreux. Der aus Sibirien stammende Künstler Evgeny Antufiev, der sich für die letzten Stationen berühmter Leute interessiert, hat eine Nacht im Hotelzimmer Nabokovs verbracht und präsentiert jetzt in der Wasserkirche am Zürichsee die Ausbeute in einer Vitrine: Neben Pastillendosen und Papiertütchen, in denen Nabokov seine Funde aufbewahrte, steckt aufgespießt ein winziger blauer Falter, dessen Kopie zugleich riesig groß im Kirchenchor schwebt, gegenüber der schmetterlingsförmigen Orgel und vor den Kirchenfenstern Augusto Giacomettis, der seine Farbtheorie anhand des Flügelschlags von Faltern entwickelte.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Antufievs hinreißendes kleines Museum, das auch Achate und Stickereien auf Leinwand enthält, ist ein Höhepunkt dieser Ausgabe der europäischen Wander-Biennale Manifesta, die 2016 in Zürich Station macht und unter dem Motto „What People Do for Money“ (Was Leute für Geld tun) eine neue Art der Auftragskunst vorstellt: Jeder der dreißig geladenen Künstler musste aus einer Liste von tausend in Zürich ausgeübten Berufen einen auswählen. Dann wurde er einem Gastgeber zugeteilt, der ihm die Stadt und seinen Arbeitsplatz zeigte. Aus den Gesprächen entstand eine neue Arbeit.

          Inspirations-Symbiose

          So richtete Guillaume Bijl in der Galerie Grieder Contemporary eine Kopie des Hundesalons „Dolly“ ein, dessen Eigentümerin sich dort einmal in der Woche um die Hunde von Ausstellungsbesuchern kümmert. Marco Schmitt stellte mit Polizisten Szenen aus Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“ nach. Marguerite Humeau entwickelte mit einem Ingenieur der Eidgenössischen Technischen Hochschule ein Roboterballett. Maurizio Cattelan ließ sich indes von der zweifachen Paralympics-Siegerin Edith Wolf-Hunkeler empfangen und beauftragte Spezialisten, für sie einen schwimmenden Untersatz für ihren Rollstuhl zu entwickeln, der es ihr erlaubt, per Handantrieb über den Zürichsee zu schweben. Besonders weit ging Mike Bouchet, der in Zusammenarbeit mit der städtischen Kläranlage eine Skulptur aus einer (getrockneten) Tagesladung Kot der gesamten Zürcher Bürgerschaft ins Migros Museum gesetzt hat, die wohl doch noch etwas stärker stinkt, als ursprünglich geplant.

          Als Martin Rüsch von dem Konzept hörte, Kunstliebhaber und Pastor des Zürcher Großmünsters, bot er sich selbst als Gastgeber an; und er bekam den Künstler Evgeny Antufiev zugeteilt. Über Monate brachten sich der Protestant und der Russisch-Orthodoxe gegenseitig auf neue Ideen, und jetzt stehen sie, kurz vor der Eröffnung, in der kleinen Sakristei, wo Antufiev noch Tonfiguren nach Zeichnungen des Zürcher Arztes und Naturforschers Conrad Gessner aus dem sechzehnten Jahrhundert aufgereiht hat. Sie sind sich noch uneinig über das Licht: Rüsch würde gerne abdunkeln; Antufiev, der lieber jede Exotisierung unterläuft, mag es hell.

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