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Zu Besuch bei Cy Twombly : Verschwunden in Italien

Jetzt doch noch ein paar Fragen. Ob er einmal Lust gehabt habe, etwas Gegenständliches zu zeichnen? - „Nein, nie.“ - Ob er nur drinnen im Haus oder auch draußen, auf der Terrasse, male? - „Na klar, immer. Mit Hut und Monokel und Staffelei. Nein. Natürlich nicht.“ Reizendes Grinsen. „Nur drinnen.“ Dabei hat er noch nie ein Atelier gehabt, erst vor kurzem hat Larry Gagosian, sein New Yorker Galerist, ihm eins besorgt, in einer alten Fabrikhalle in Gaeta. Wie kam es zu dem rätselhaften, geheimnisvollen, großartigen Bild „Ferragosto - August notes from Rome“? Wann entstand es? - In Rom. Am 15. August. „It was a hot and violent day.“ Mehr ist nicht zu erfahren.

Roland Barthes, der zwei seiner schönsten Essays über Twombly schrieb, hat einmal gesagt, Twombly biete den Betrachtern den „Köder einer Bedeutung“. Man findet zum Beispiel in „Ferragosto“ Spuren der römischen Hitze, seltsame Zeichen, verschlüsselte Botschaften - und auf der Suche nach einer Geschichte, einer Bedeutung hinter den Andeutungen und Spuren und Fragmenten verläuft man sich im Labyrinth dieses Bildes, in dem sich wachgerufene Erinnerung und kollektives Wissen, Mythen und Erfahrungen wie in einem Kaleidoskop zu immer neuen Bildern und Geschichten verdichten.

Kurzer Abstand zwischen Bild und Betrachter

Daß Twomblys Kunst so lebendig wirkt, liegt auch daran, daß der Abstand zwischen Betrachter und Bild kürzer ist als anderswo. Das alte Unbehagen, das Lessing in „Emilia Galotti“ beschreibt - „auf dem Weg aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren!“ -, treibt auch Twombly um. Mit Bleistift gekritzelte Schriftbruchstücke werden gar nicht erst zu Worten, sondern gleich zu Wellen, wandern wie Badende auf die blaue Horizontlinie zu und werden dabei von Wellen weißer Farbe erfaßt.

Twomblys Poetologie reißt die Barrieren zwischen Bezeichnung, Darstellung und Dargestelltem ein; es geht darum, die Distanz zu verkürzen, die Betrachter und Objekte normalerweise trennt, und diese Kompression erzeugt die Energie von Twomblys Kunst: Symbole laufen heiß, die Schrift verflüssigt sich und wird überflüssig, Bleistiftkringel rasen wie verrückt gewordene Sprechblasen durch Farbnebel. Das Abstrakte und das Unmittelbare, die Überlieferung und die Erfahrung werden in einer Geste kurzgeschlossen.

Sexuelle Kritzeleien

Daß einige von Twomblys Werken entfernt an verwüstete Bettlaken erinnern, daß einige Bilder geradezu buchhalterisch alle erdenklichen sexuellen Kritzeleien vereinigen, hat eine ganze Flut von Interpretationen entstehen lassen, die sich wie erotische Restaurantkritiken lesen. Da werden das Feinsinnige und Tastende und Fühlende und Erotische gefeiert - aber so schwül wie seine Interpreten ist Twombly nie.

Einfach ist es nie in diesen Bildern: Wo eine rauschende Farborgie in den Farben von Haut und Blut droht dem Kitsch anheimzufallen, stolpern pedantische Zahlenkolonnen durchs Bild wie fleißige Handwerker, die in eine erotische Szene hineinplatzen. Neben Körperfarben und Sexualorganen dominieren ingenieurartige Zeichnungen, die an Berechnungen von Schatzsuchern und Hobbyphysikern erinnern. Vieles zeugt von dem Wunsch, ein Abenteuer in den Griff zu bekommen.

Es blieb lange hell an diesem Abend. Twombly machte ein paar Italiener nach, die „Ciao Mamma, come vai“ in ihre Mobiltelefone krähten. Am Strand tobte ein netter dicker Römer mit seinen dicken Kindern durch den Sand und machte einen Höllenlärm; eines der Kinder machte einen Handstand, und die dicke Familie lachte und schrie herum und fuchtelte und freute sich. „Schau dir diese Boteros an“, sagte Twombly, und so, wie er es sagte, war selbst das keine Beleidigung, sondern eine Liebeserklärung an das Land, in dem er, zurückgezogen aus der Welt, seit fast fünfzig Jahren lebt.

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