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Werner-Tübke-Ausstellung : Zeitlose Gemälde eines sowjetreisenden Botticelli

Es war einmal und ist immer noch: Die Autos auf Tübkes "Bauernmarkt in Samarkand" sind längst Oldtimer, die Ruine wirkt heutig. Bild: © VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Das Panorama Museum in Bad Frankenhausen zeigt Bilder, auf denen Werner Tübke die Eindrücke seiner zahlreichen Russland-Reisen verarbeitet hat. Zeitlos meisterlich zeigen sie den Maler als Alchimisten.

          3 Min.

          Wer war dabei und wie? Wie die Kontroversen im Vorfeld des dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls bereits jetzt zeigen, ist eine der zentralen Fragen, wer in der späten DDR sich wann wo auf welcher Seite aufhielt. Der Maler Werner Tübke war vor deren Ende häufig in der Sowjetunion. Am heutigen Tag würde der 2004 Verstorbene, oft als „Staatsmaler der DDR“ diffamiert, neunzig Jahre alt. In seinem im September 1989 eröffneten Hauptwerk, dem riesigen Panoramagemälde zur unfriedlichen Revolution des spätmittelalterlichen Bauernkriegs im nordthüringischen Bad Frankenhausen, wird anlässlich dieses Jubiläums und des eigenen dreißigjährigen Bestehens eine Ausstellung zu Tübkes Russland-Reisen präsentiert: „Unter fremden Menschen. Von Petersburg bis Samarkand“.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon mit den ersten Bildern der Schau wird klar, dass sich die dunkle Faszination für den Künstler Tübke zu einem Großteil aus den Widersprüchen speist, die er überreich verkörperte: Es sind Porträts von Bewohnern des Riesenreichs, die allerdings in ihrer altmeisterlichen Präzision auch von Dürer oder einem Renaissance-Italiener wie Botticelli stammen könnten, jedenfalls die neuen Sowjetmenschen nicht in heroisch-futuristischen Formen oder einem real existierenden sozialistischen Stil konterfeien, vielmehr gekonnt intim und mit großer Anteilnahme.

          So exakt wie nur Humboldt

          So nimmt nicht wunder, dass mit dem Kunsthistoriker Frank Zöllner ausgerechnet einer der führenden Leonardo-Experten einen Katalogbeitrag zur Schau beigesteuert hat. Die Faszination dieses Reisetagebuchs zwischen Kaukasus und Mittelasien in den unterschiedlichsten Künstlertechniken – 140 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Lithografien sind in Bad Frankenhausen zu sehen – liegt vielleicht auch darin, dass seit Alexander von Humboldts Russland-Reise kein deutscher Künstler – und Humboldt war mit seinen Tausenden von Zeichnungen und Aquarellen zweifelsohne immer auch Künstler – Land und Leute derart exakt festhielt.

          Warm eingepackt: „Winter bei Leningrad“, 1961

          Indem Tübke sich weigert, Menschen als Vertreter von Systemen zu katalogisieren, sich ihnen hingegen in seinem überzeitlich abstrakt-präzisen Stil weitestgehend zu nähern versucht, bekommt er über ihr Wesen erheblich mehr heraus als die üblichen Staatsaufträge. Überzeitlich sind die Studien von Kolchosbauern und Rotarmisten allein deshalb, weil Tübke etwa für seine Bleistiftzeichnung „Russischer Bauer“ oder das Gemälde „Armenischer Trommler“ unverkennbar Rembrandts Stilmittel nutzt, um das Derb-Rohe so unverfälscht und unmanieriert wie möglich einzufangen. Auf anderen Bildern nutzt er, wenn es der Anlass gebietet, für Landschaften im Hintergrund schon einmal die Frottagetechnik eines Max Ernst oder bestimmte Eigenheiten der Porträtmalerei des Mitthüringers Otto Dix oder des Romantikers Carl Philipp Fohr.

          Intellektueller Rotarmist: „Bildnis Swerdlow“, 1978

          So wird auf dem „Bildnis Swerdlow“ von 1978 dagegen der Nickelbrillenträger in Sowjetuniform mit der wie bei Renaissancebildnissen pathetisch aufragenden Haartolle und den nervös verknoteten Pianistenfingern eher als hochsensibler Kunstliebhaber charakterisiert denn als Soldat. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Großteil des tübkeschen Reisegepäcks aus russischer Literatur bestand.

          Portraits mit verdrehten Köpfen

          Irritierend bleibt, dass der aus dem Uniformkragen ragende Hals in eine andere Richtung zieht als das Haupt darüber, was ab den siebziger Jahren Tübkes Erkennungsmerkmal bei Porträts wurde. Häufig wirken die von ihm Porträtierten damit wie geköpft und hernach falsch wieder zusammengesetzt; allemal spricht aus diesen „Verrenkungen“ zwischen Kopf und Körper ein Unwohlsein in ihrer je zweiten Haut, hier der Uniform. Staatstragende Porträts jedenfalls sehen anders aus.

          Dabei war Tübkes erste, sich ab März 1961 über zwölf Monate und vierzehntausend Kilometer zu Wasser, per Jeep und zu Fuß erstreckende Reise quer durch Russland offiziell ein staatlicher Auftrag: Teleologisch sollte es auf das 1969 von Tübke vollendete Historienbild „Nationalkomitee Freies Deutschland“ hinauslaufen, das als eine Hommage an die Gründung einer antifaschistischen Bewegung auf Sowjetboden gedacht war, gewissermaßen die personelle Präfiguration der späteren SED, das den DDR-Machthabern aber nicht durchgängig zusagte und vielfach geändert werden musste. Wie Lea Grundig, damalige Vorsitzende des Künstlerverbandes, über Tübke schrieb: „Eklektizismus ist dem sozialistischen Realismus zuwider.“

          Erstaunlich dicht, September 1989 eröffnet: „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“, 1976 bis 1987 von Tübke auf einer 123 Meter langen Leinwand aus der Sowjetunion gemalt

          Zeitloser Bauernmarkt in Samarkand

          Die eigentliche Quintessenz der großen Russland-Reise aber malte Tübke 1963, in der Distanz eines Jahres nach Rückkehr: „Bauernmarkt in Samarkand“, das unbestrittene Hauptwerk der Schau. Wie die Alchemisten der Vormoderne mit der „Quinta Essentia“ das Wesentliche aus einem Stoff herausdestillieren wollten, so braut auch Tübke ein berauschendes Elixier aus der auf dem wimmelnden Markt beobachteten Fremdheit und Vertrautheit gleichermaßen. Das unwirkliche Licht und die fahlen Rottöne färben eine 1001-Nacht-Atmosphäre, wenn nicht Automobile dieses breugelhafte Leben kreuzen würden.

          Da das Samarkand-Bild – ebenso ein „Panorama“ wie das 360-Grad-Bauernkriegsdrama im Stockwerk darüber, das diesem zudem viele Figurenerfindungen verdankt – lange der Öffentlichkeit nicht zugänglich war, weil in Privatbesitz, überrascht es in der Ausstellung nicht nur durch die Frische seiner Farben; die Dichte an destillierten Beobachtungen über alltägliche Lebenskämpfe lässt einen den Kopf schütteln. Ob diese nun im Kaukasus, in Usbekistan, in der nur scheinbar weit zurückliegenden Vergangenheit des Bauernkriegs oder aktuell direkt vor der Haustür gesammelt werden, spielt dann keine Rolle, wenn sie derart wahr und überzeitlich wirken, wie es bei diesen Bildern einer fremden Nähe der Fall ist.

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