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Zaha Hadids Bau : Den Planeten neu hochfahren

  • -Aktualisiert am

Zaha Hadid hat für die Serpentine Gallery einen neuen Ausstellungsort geschaffen. Von einer Synthese zwischen Alt und Neu kann ebenso wenig die Rede sein wie von einem Dialog der Kontraste.

          4 Min.

          In der arkadischen Landschaft von Kensington Gardens hatte die klassizistische Remise an einer Biegung der sich durch den Park windenden Straße stets den Anschein eines Zierbaus. Nur die wenigsten kannten den ursprünglichen Zweck der harmlos wirkenden Konstruktion. Hinter dem Gemäuer befand sich einst ein Pulverarsenal, das 1805 errichtet wurde, als Napoleon Vorbereitungen für eine Invasion Englands traf. Später wurde die zweckmäßige Architektur des Arsenals durch eine neue Fassade mit einem dorischen Säulenportikus geadelt. Bis 1963 blieb das Gebäude in militärischer Nutzung. Danach diente es der Verwaltung der Königlichen Parks als Gartenscheune.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die nur wenige Fußminuten davon entfernte Serpentine Gallery, die seit vierzig Jahren zeitgenössische Kunst in einem ehemaligen Teepavillon des Parks zeigt und zu den beliebtesten Attraktionen der Hauptstadt zählt, liebäugelt schon lange mit dem Gebäude, um ihr Programm erweitern zu können. Nun ist ihr die Landnahme mit einer fünfundzwanzig Jahre langen Pacht gelungen. Sie hat den Ausbau des denkmalgeschützten Munitionslagers der Architektin Zaha Hadid anvertraut und stellt zur Eröffnung zwei Künstler verschiedener Generationen aus, die beide mit „armem“ Material arbeiten: In der Serpentine Gallery tritt Marisa Merz, die zweiundachtzigjährige Vertreterin der „Arte-Povera“-Bewegung, aus dem Schatten ihres Mannes Mario Merz; die neue Galerie bespielt der junge Argentinier Adrián Villa Rojas mit einer Installation.

          Michael Bloomberg übernimmt Vorsitz

          Ihren internationalen Anspruch macht die kleine, kostenlos zugängliche Serpentine Gallery auch mit der Ankündigung geltend, dass Michael Bloomberg nach seinem Abtritt als Bürgermeister von New York im kommenden Januar den Vorsitz übernehmen wird. Große Namen ziehen große Namen an. Die Serpentine Gallery hat es unter der Leitung von Julia Peyton-Jones und des im zeitgenössischen Kunstbetrieb omnipräsenten Hans Ulrich Obrist verstanden, für Glamour zu sorgen. In diesem Zusammenhang ist auch die Wahl von Zaha Hadid als Architektin der Serpentine Sackler Gallery zu sehen.

          Es ist, als hätten sich zwei Baukünstler an diesem Projekt verwirklichen wollen. Einer, der sich bescheiden der vorhandenen Substanz unterordnet und sie durch einfühlsame Interventionen umfunktioniert, und ein zweiter, der sich in bilderstürmerischer Weise in Szene setzen will. Dem eingeschossigen Backsteinbau hat Zaha Hadid eine Seilnetzstruktur übergestülpt, die mit ihrem auf und nieder wogenden Dach und dem amöbischen Grundriss die Merkmale ihrer eigenwillig futuristischen, die klassische Sprache sprengenden Architektur trägt.

          Zaha Hadid ist der Serpentine Gallery schon lange verbunden. Zur Jahrtausendwende hat sie den ersten der jährlichen Sommerpavillons entworfen, die das Profil der durch Baubürokratie und Konservatismus gedrosselten Baukunst in Britannien gehoben haben. Damals war die in London lebende Irakerin vor allem für ihre nicht verwirklichten Gebäude bekannt, darunter das am Kleingeist der Behörden gescheiterte Opernhaus in Cardiff. Unterdessen beschäftigt sie weltweit mehr als drei hundert Menschen. Die Nachricht, dass sie unlängst das dem Bauhaus nachempfundene Gebäude im alten Hafenviertel von London erworben hat, aus dem das Design-Museum demnächst ausziehen wird, gibt zu erkennen, in welchen Dimensionen sie denkt. Dort will Zaha Hadid ihr Archiv unterbringen und einen „kollektiven Dialog“ über Kunst, Architektur und Design fördern.

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