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Zaha Hadid in Wolfsburg : Der Handschmeichler des Zyklopen

  • -Aktualisiert am

Es ist ein Gleiten und Stauen, Stechen und Streicheln im Raum, eine Massage für die wunde Stadtlandschaft: Zaha Hadids naturwissenschaftliches Architekturspektakel „Phæno“ schenkt Wolfsburg ein Gesicht.

          Wolfsburg ist eine beneidenswert junge Stadt - und eine erbarmenswert häßliche. 1937 als Retortenstadt für das Volkswagenwerk von den Nazis begonnen, nach 1945 so enorm gewachsen wie der Konzern, besteht sie größtenteils aus nichtssagender, zusammengewürfelter Siedlungsarchitektur der Nachkriegszeit.

          Dem versuchten ehrgeizige Baudezernenten immer wieder zu begegnen. So kam Wolfsburg in den fünfziger Jahren mit seinem Kulturhaus und einer Kirche zu zwei der schönsten Bauten Alvar Aaltos und peilte in den neunziger Jahren mit dem klassisch-technoiden Kunstmuseum Peter Schwegers sowie der „Autostadt“ von Gunter Henn erfolgreich die oberen Stufen des internationalen architektonisch-ästhetischen Anspruchsniveaus an. Mit der heutigen Eröffnung von „Phæno“, dem „Science Center“, das die Stararchitektin und Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid entwarf, wird dieser Spitzenplatz gefestigt.

          Der Bau als Landschaft in der Landschaft

          Sein Wachsen konnten Reisende der Berlinstrecken des ICE beobachten, denn der Bau breitet sich direkt neben Wolfsburgs Bahnhof aus, einem feinen kleinen Glanzstück der fünfziger Jahre, dessen gähnend leeres Umfeld mit der Wende und dem neuen Zugverkehr vom Hinterhof der Stadt zu ihrem Entrée aufstieg. Stadtlandschaft - der Begriff, mit dem einst Hans Scharoun und Alvar Aalto arbeiteten und ihre skulpturalen frei stehenden Bauten begründeten - war in dieser randzerfransten Brache zur Karikatur geworden.

          Genau an diesem Punkt setzte Zaha Hadid an. Sie habe, erzählte die Architektin, anfangs gar nicht gewußt, wo das Gebäude künftig stehen werde. Als dann der Standort festgelegt war, machte sie aus der Not des Irgendwo eine Tugend, indem sie ihren Bau als eine Landschaft in der Landschaft gestaltete. Doch nicht die grünen Hügel Scharouns oder Aaltos schwebten ihr vor, sondern eine Felsformation, eine Art Urlandschaft, die Symbol sein sollte für all die naturwissenschaftlichen Phänomene, die im Haus ausgestellt werden. Zudem konnten so auch die Pilotys, die schräg-wuchtigen Stützen, legitimiert werden, auf denen der eigentliche Baukörper schwebt. Denn durch sie entsteht eine Art überdachter öffentlicher Raum, eine rüde „Sala terrena“, die Stadt, Bahnhof und das gegenüber gelegene VW-Werk nicht trennt, sondern mittels eines Durchgangsraums verbindet.

          Ein Gleiten und Stauen, Stechen und Streicheln

          In ihm steht man dann auf einem Bodenbelag, der an superrauhes Schmirgelpapier erinnert, und fühlt sich wie in einer gedrungenen Felsgrotte, deren Stalagmiten ein längst vertrocknetes Meer rundlich abgeschliffen und geneigt hat. So ist Gelegenheit, den spektakulären Eindruck zu verarbeiten, den der Anblick des Bauwerks auf seiner riesigen Freifläche auslöst: scharf geschnittene Kurven und Winkel, dynamisch rasende Wandflächen aus Sichtbeton, schnittig gefurcht von abstrakten Ornamenten und spitzwinklig zulaufenden Fensterbändern; ein Faustkeil, fallen gelassen von Zyklopen, so dröhnt „Phæno“ in Wolfsburgs neuer Stadtlandschaft, keinen unberührt lassend, von niemandem zu übersehen. Wer wollte Bürgermeister Rolf Schnellecke widersprechen, der sagte, Wolfsburg besitze dank generöser Sponsoren, darunter VW und Thyssen, „ein Stück Weltarchitektur, einen Jahrhundertbau“.

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