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Ein Treffen mit Wong Ping : Der neue Lieblings-Outsider der Kunstwelt

Szene aus Wong Pings „Who’s the daddy“, 2017 Bild: WongPing / Vimeo

Wong Ping aus Hongkong lud seine grellen Videos über verklemmte, vereinsamte Existenzen ins Internet. Erst meldete sich MTV, dann Prada. Jetzt entdeckt ihn die Kunstwelt.

          Wenn junge Künstler über ihre Arbeit sprechen, bekommt man immer öfter den Eindruck, sie wären eigentlich ein wandelndes Privatmuseum, aus dem der ganze Mitarbeiterstab spricht, Kunsthistoriker, Kunstvermittler und Presseabteilung. Das eigene Handeln möglichst fachgerecht zu evaluieren und mit viel diskursivem Streusalz gegen jeden Versuch eines offenen Gesprächs auf Augenhöhe zu verteidigen, das lernen sie eben heute an der Kunsthochschule. So viele Worte haben sie für das, was sie glauben zu tun, dass man sie eigentlich auch gleich ihre eigenen Kunstkritiken schreiben lassen möchte.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Umso lieber hört man, wenn jemand erzählt, dass er überhaupt keinen Plan habe, weder für seine Arbeit noch für sein Leben. Dass er überhaupt nicht verstehe, worum es in der Kunstwelt geht, mit ihren „Regeln“ und „erfundenen Behauptungen“. Dass seine einkommensschwachen Eltern ihn, als er den Schulabschluss nicht schaffte, aus reiner Ratlosigkeit von Hongkong nach Australien schickten, wo er ohne tieferen Grund ein Multimedia-Design-Studium absolvierte, um dann, zurück in Hongkong, Hilfsjobs in einer Druckerei und einem Fernsehstudio zu leisten, die so deprimierend waren, dass er begann, düstere Kurzgeschichten voll verklemmter, vereinsamter Figuren auf einem Blog zu veröffentlichen, das keiner las. Und dass sich dann, nachdem er wegen eines Konjunktureinbruchs die Jobs verloren und begonnen hatte, die Geschichten zu quietschbunten Animationsfilmen auszubauen und diese auf die Videoplattform Vimeo hochzuladen, plötzlich MTV bei ihm meldete und einen Clip bestellte, und dann Prada. Und dann das New Yorker Guggenheim Museum, von dem er noch nie gehört hatte, weshalb er zuerst dachte: lustiger Name.

          Wong Ping in seiner Ausstellung in der Kunsthalle Basel

          Und jetzt sitzt der 34-jährige Wong Ping in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel und stellt so offenherzig und unstrategisch seine Ahnungslosigkeit zur Schau („Ich kenne ja gar nicht den Wert meiner Arbeit“), dass sich der Verdacht aufdrängt, dass diese Story vom naiven Outsider-Nerd auch nur wieder eine besonders ausgebuffte Masche ist, um die Herzen zum Schmelzen zu bringen. Oder das, was von den Herzen nach dem Angucken seiner Filme übrig ist. Die springen durch ihre entfesselte Farbgebung ins Auge, knallige Primärfarbkontraste und verbotene Farbverläufe von Gelb nach Grün und Orange nach Rosa. Und durch die glupschigen Figuren, die aus Oskar Schlemmers „Mechanischem Ballett“ durch Computerspiele der achtziger Jahre gewandert sein könnten, um dann in Pixellava aufzuquellen. Sie sind die frivole Alternative zur großen Bauhaus-Gedenk-Anstalt. Man blickt auf Wongs Leinwände, LED-Türme und Bildschirme wie in glühende Öfen.

          Drinnen steckt dann der impotente Ehemann im Schrank, legt den Finger vor den Mund: „Schschsch“, seine Frau empfange gerade einen Freier. Da ihr ihre Sexspielzeuge nicht mehr genügt hätten, habe er ihrem Wunsch nach Prostitution zugestimmt. Ein sie erpressender Polizist wird für den Erzähler zur Identifikationsfigur, bis dieser sich plötzlich zum Rache- und Beschämungsfeldzug inklusive Kastration, Analsex und Vergiftung durch Fürze aufschwingt.

          Moment, warten Sie mit Ihrem Urteil noch ein bisschen.

          Ein greiser Vater musste in seiner Wohnung Platz für Sohn und Schwiegertochter machen. Die betreibt von zu Hause einen Online-Shop, in dem der Schwiegervater, nachdem er ihre feuchten Schlüpfer aus dem Badezimmer geklaut hat, zur Vertuschung dieselben Schlüpfer nachbestellt. Gezwungen, sich zwischen VHS-Pornos und Medikamenten für seine im Sterben liegende Frau zu entscheiden, wirft er die alten Kassetten weg, worauf eine junge Frau ihm erklärt, er müsse erst die Bänder rausziehen und jedes Teil in den entsprechenden Wertstoffbehälter sortieren: „Ihr Leben ist bald zu Ende, aber die Erde hat noch eine lange Zeit vor sich.“ Schließlich findet er sich mit amputierten Beinen in einem Online-Friedhof wieder, für den sein Sohn Benutzername und Kennwort vergisst.

          Alles ist zu dicht in Wongs Filmen, die Figuren, die selbst die Sprache der Verwaltung sprechen, haben immer zu wenig Platz, und es tritt ihnen immer eine Gewalt entgegen, die zu groß ist, um sie überhaupt in den Blick zu bekommen, und das meist in Gestalt einer Frau – wie die christliche Liebhaberin, die dem einsamen Bodybuilder mit dem Stiletto das Auge ausbohrt und ihm dann das Kind von jemand anderem in einer Plastiktüte überreicht. Immer aber richten die Figuren sich im enger werdenden Platz ein, ziehen sich in Selbstgespräche zurück und finden in irgendeiner perversen Umlenkung von Schuld und Scham ihr Glück, was sie natürlich für Erlösung von außen noch unzugänglicher macht.

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