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Wolkenbilder von und nach Constable : Kunst ist Wissenschaft, Gemälde sind Experimente

Gar nicht wolkig: Fing die abstrakte Kunst mit Constables Bildern im 19. Jahrhundert an? Die Antwort hat der Restaurator und Künstler Mark Leonard gemalt - und stellt sie in New Haven aus.

          „Die Malerei ist eine Wissenschaft“, verkündete John Constable 1836 in einer Vorlesung vor der Royal Institution, „und sollte als Erforschung der Naturgesetze betrieben werden. Warum will man also die Landschaftsmalerei nicht als einen Zweig der Naturphilosophie ansehen, dessen Experimente die Gemälde sind?“ Einer ausgedehnten Versuchsreihe widmete sich Constable in den Sommermonaten der Jahre 1821 und 1822. Auf den weitläufigen Wiesen von Hampstead Heath über den Dächern von London entstanden mehr als fünfzig Ölskizzen. Das Thema ist der Himmel. Auf den ersten Blättern der Reihe bleibt die Erkundung des Luftgeschehens noch angebunden an feste Punkte auf dem Boden, Bäumchen oder Häuschen. Später sieht man nur noch Wolken, der Betrachter mag selbst zu schweben glauben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Constable hatte 1819 „The White Horse“ ausgestellt, die erste seiner monumentalen Szenen aus dem Landleben, die durch ihr Format in Konkurrenz zur Historienmalerei traten. Zwar wurde er zum assoziierten Mitglied der Royal Academy gewählt, aber die Kritik nahm Anstoß an seinen Himmeln: Sie drängten sich vor. Nach klassischer Auffassung hatte sich die Hauptsache im Vordergrund abzuspielen. Sieben Wolkenstudien Constables befinden sich in der Sammlung des Yale Center for British Art in New Haven. Auf Einladung des Museums hat der Maler Mark Leonard diese Werke jetzt als Material für eigene Experimente genommen.

          Ein Restaurator als Künstler

          Leonard ist im bürgerlichen Beruf Gemälderestaurator. Er wurde am Metropolitan Museum of Art ausgebildet und war an der Restaurierung von „The White Horse“ beteiligt, dem Paradebild Constables, das heute in der Frick Collection hängt. 26 Jahre lang arbeitete Leonard am Getty Museum in Los Angeles, zuletzt als Chefrestaurator für Gemälde. Seit einem Jahr ist er Chefkonservator am Dallas Museum of Art. Als Maler pflegt Leonard einen Stil der strengen geometrischen Abstraktion.

          Er hat Constables Experimente nicht wiederholt oder nachgeahmt. Im Gespräch berichtet er, dass er zwar Tageslicht zum Malen brauche, aber nicht unter freiem Himmel arbeite. Seine als „Reflexionen auf Constables Wolkenstudien“ bezeichneten Bilder hat er in seinem kalifornischen Atelier produziert, auf der Grundlage von Zeichnungen und Farbstudien, die er während einer Woche in New Haven angefertigt hatte.

          Die Malerei, notierte Constable, solle nicht blind angestaunt, sondern verstanden werden, sei sie doch nicht nur ein poetisches Bestreben, sondern ein Verfahren beziehungsweise Beruf, „rechtmäßig, wissenschaftlich und mechanisch“. Diesen Ansatz eines der Aufklärung verpflichteten Handwerkers teilt Leonard mit Constable; die Paraphrasen im Format der Vorlagen setzen ein methodisches Programm um. Leonards Bilder sind Untersuchungen von Constables Bildern, Beiträge zur Kunstphilosophie. Sie machen die Versuchsanordnungen der Ausgangsexperimente sichtbar.

          Auf wen bezieht er sich?

          Naturgemäß ist Leonard mit dem Fachwissen des Restaurators ans Werk gegangen. Er hat Constables Palette analysiert: mit dem Ergebnis, dass dieser Wolkenforscher mit ganz wenigen Farben auskam - im Unterschied etwa zu seinem älteren Kollegen Alexander Cozens, dem Autor eines Übersichtswerks der Wolkentypen mit schematischen Abbildungen, der auf seinen Expeditionen ins Blaue dreißig Farbflaschen im Gepäck gehabt haben soll. Hauptsächlich interessiert sich Leonard aber für die formale Organisation der Bildfläche, die Verteilung von Licht und Schatten, sozusagen die Naturgesetze der Komposition.

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