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Wolfsburg zeigt Steve McCurry : Aus den Erinnerungen der Menschheit

Krieg und andere Katastrophen wie gemalt: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt die erschreckend schönen Aufnahmen des amerikanischen Fotoreporters Steve McCurry.

          Die Ruhe auf den Fotos von Steve McCurry ist verführerisch. Sie lässt uns glauben, die Menschen und die Dinge seien tatsächlich so völlig im Gleichgewicht, wie seine Kamera sie zeigt. Die Aufnahme der im Bürgerkrieg zerstörten afghanischen Stadt Herat beispielsweise, die McCurry 1992 gemacht hat, führt ein Bild des Friedens vor: Vier Männer mit Bärten und Turbanen haben zwischen den Ruinen ein Feuer entzündet, an dem sie sich wärmen. Ihre Schatten fallen auf das Gewölbe hinter ihnen, ringsum liegen die Mauern im Abendlicht. Erst bei längerem Hinschauen erkennt man, wie sorgfältig der Fotograf diese Szene komponiert hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er hat nicht nur auf den Sonnenuntergang gewartet, sondern auf einen Moment, in dem das Feuer besonders hoch aufflammte - nicht nur das Holzfeuer am Boden, sondern auch das Licht der Sturmleuchte, die hinter einem der vier Männer auf einem Mauervorsprung steht. Und er hat, sicher nach längerer Kletterei, einen erhöhten Standpunkt gefunden, von dem aus die schrägen Linien der Häuserruinen gleichmäßig auf den Fluchtpunkt des Fotos vor den Bergketten im Hintergrund zulaufen. Und schließlich hat er eine Perspektive gewählt, aus der die vier Kämpfer an ihrem Lagerfeuer gerade weit genug entfernt sind, um in ihrer Unbestimmtheit an eine Urszene zu erinnern, die jeder westliche Betrachter aus Kinderbüchern und Museen kennt: den Stall von Bethlehem. Der helle Schein der Flamme und der rötliche Schimmer der Wände ergeben einen Farbklang, den man auf Gemälden eines Georges de La Tour oder der niederländischen Caravaggisten findet. Steve McCurry fand ihn in Herat, am westlichen Ende von Afghanistan.

          Die Unruhe des Lebens zittert nach

          Das Kunstvolle wirkt wie zufällig erhascht bei McCurry. Darin liegt sein Zauber und sein Trug. Niemand weiß, wie lange der Fotograf auf dem Markt von Kabul warten musste, bis er die fünf Frauen in den fünf verschiedenfarbigen Burkas am Stand mit den Sportschuhen vor die Kamera bekam. Aber durch das unverhüllte Mädchen mit dem Wassereimer am rechten Bildrand wirkt die Szene lebendig und ungestellt. Zwei der Turnschuhe hängen etwas tiefer von der Stange im Vordergrund herunter als die anderen, so dass sie den Rücken der Frau im olivgrünen Gewand zu streifen scheinen. Ihre Nachbarin in Dunkelblau macht einen Ausfallschritt, so dass ihre roten Schuhe unter dem Umhang zum Vorschein kommen.

          Das Ungeordnete gehört zur Ordnung des Bildes. Auf der Bootsbank des Blumenverkäufers, den McCurry auf dem Dal-See in Kaschmir fotografiert hat, liegt ein einzelnes grünes Blatt. Im Wandspiegel neben dem Mönch mit Colaflasche, den McCurry in einem Teerestaurant in Bodhgaya entdeckte, malt sich ein braunes Tongefäß. Die spitzen Strohhüte der schwarz verschleierten Kleepflückerinnen im Shibam-Tal im Jemen scheinen in der feuchten Hitze zu tanzen. Der Augenblick erstarrt zur Fotografie, aber im Geflecht ihrer Formen zittert die Unruhe des Lebens nach. Der junge Inder mit Hemd, Krawatte und nackten Füßen vor dem Schusterladen in Bombay blickt gespannt auf die Straße, während die vier Schuhmacher hinter ihm in ihre Arbeit versunken sind. Im Handumdrehen wird er seine Schuhe anziehen und weggehen.

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