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Wolfgang Kemp wird 70 : Über Kunst erzählen

Wolfgang Kemp Bild: Imago

Er interessiert sich für Kunst ebenso sehr wie für ihre Betrachter. Viele seiner Bücher wurden Standardwerke, die sich auch zur Freizeitlektüre eignen. Zum Siebzigsten des Kunsthistorikers Wolfgang Kemp.

          Nicht jedem Kunsthistoriker gelingt es, eine neue Kategorie in die Kunstgeschichte einzuführen. Wolfgang Kemp hat es schon mehrfach geschafft. Die neueste ist der „explizite Betrachter“. So lautet der Titel seiner jüngsten Veröffentlichung zur Rezeption zeitgenössischer Kunst. Ende der sechziger Jahre, so Kemps Analyse, bricht die Epoche des expliziten Betrachters an; seitdem reiche es nicht mehr, dass der Museumsbesucher die Kunst einfach nur anschaue. Er muss Teil der Kunstproduktion sein, mit anfassen, sich einbringen. Der Künstler, schreibt Kemp, teile von nun an dem „heiligen Martin gleich den Akt der Schöpfung zur Hälfte mit dem Rezipienten“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dahinter steht die Idee, dass die Kunst nicht nur ihr Publikum formt, sondern auch umgekehrt das Publikum die Werke zu dem macht, was sie sind. Einen geradezu symbiotischen Einklang der wechselseitigen Bedürfnisse sieht Kemp mit Olafur Eliassons „The Weather Project“ von 2003 in der Londoner Tate Modern erreicht, wo eine gigantische Spiegelung einer halben „Sonne“ im Kunstnebel die Besucher dazu einlud, stundenlang auf dem Boden der großen Ausstellungshalle zu sitzen, zu liegen und das künstliche Naturschauspiel zu betrachten. Aber auch der Relational Art und der Performance-Kunst gilt diese Analyse.

          Die Geschichte des Zeichenunterrichts

          Die Geschichte des Betrachters, die Wolfgang Kemp kürzlich um diese neue Etappe erweitert hat, gehört zu seinen zentralen Forschungsfeldern. Seine Schrift „Der Betrachter ist im Bild“ von 1991 gilt heute als ein Grundlagenwerk der Rezeptionsästhetik. Nicht nur die Bilder wandeln sich im Laufe der Zeit, auch die, die sie ansehen, verändern sich in der Geschichte. Schon in Kemps frühen Schriften wurde eine Methode sichtbar, Kunstgeschichte und ihre Themenfelder von den Rändern her zu erweitern.

          Naturschauspiel für den Museumsbesucher: „The Weather Project“ von Olafur Eliasson in der Tate Modern

          Wie ein Maler, der sich nicht mit einer Gattung zufriedengibt, beherrscht auch Kemp verschiedene Formate und Stile: Selten etwa wurden Kunstreligion und Kunstbetrieb des Viktorianischen Zeitalters so eindringlich dargestellt wie in Kemps Biographie zu Leben und Werk von John Ruskin. In herausragender Weise gelingt es ihm, den Theoretiker Ruskin mit dem Maler und Zeichner zu verbinden, der so wütend gegen James McNeill Whistler polemisierte, dass dieser ihn vor Gericht brachte. Das Buch ist ebenso ein Standardwerk geworden, eines allerdings, das sich - weil sein Autor so gut zu erzählen weiß - auch zur Freizeitlektüre eignet.

          Kemp wurde 1946 in Frankfurt geboren. Nach Stationen in Bonn, Kassel und Marburg lehrte er von 1995 an bis zu seiner Emeritierung Kunstgeschichte in Hamburg. An der Leuphana Universität in Lüneburg ist er als Gastprofessor tätig. Die Gegenstände seiner Analyse kommen aus den verschiedensten Epochen und Feldern der Kunstgeschichte: Systematisch erarbeitete er als einer der Ersten die Geschichte des Zeichenunterrichts für Laien im Zeitraum von 1500 bis 1870, ein Werk, das 1979 erschien.

          Wer die Kunstgeschichte so weiträumig von ihren Außenposten überblickt, entwickelt einen besonderen Sinn für Abweichungen und Bruchkanten. Als Pionierarbeit gilt seine Studie zu den Erzählungen in den mittelalterlichen Glasfenstern. Das Interesse an der Narrativität in der Malerei führte ihn weiter zu Giotto über Max Klinger in „Die Räume der Maler“.

          Kemp gehörte außerdem zu jenem damals sehr überschaubaren Kreis von Kunsthistorikern und -theoretikern, die bereits in den siebziger Jahren die Fotografie als Kunstform ernst nahmen und in Essays bearbeiteten. Und so, wie etwa vor ihm Roberto Longhi, beherrscht Kemp nicht nur die engere wissenschaftliche, sondern auch die belletristische Art des Schreibens: 2002 legte er der überraschten Fachwelt den Prosaband „Vertraulicher Bericht über den Verkauf einer Kommode und andere Kunstgeschichten“ vor, in dem er mit den Ritualen der Kunstwelt abrechnet. An diesem Sonntag wird Wolfgang Kemp siebzig Jahre alt.

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