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Gurlitt in Linz : Des Zauberprinzen faules Erbe

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Historische Aufarbeitung: Das Lentos Kunstmuseum in Linz durchleuchtet seine Anfänge, die mit dem Namen Wolfgang Gurlitt eng verwoben sind.

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          Gurlitt und Gurlitt. Beide handelten im Auftrag der Nazis mit „entarteter Kunst“, was den Cousins aber in der Nachkriegszeit nach kurzer Quarantäne kaum jemand übelnahm. Die Stadt Düsseldorf ehrte Hildebrand, über neun Jahre erfolgreicher Leiter des Kunstvereins, mit einem Straßennamen. Wolfgang bekam eine eigene Ausstellungshalle, ausgerechnet in Linz, der Kleinstadt an der Donau, die beinahe in den Genuss eines „Führermuseums“ gekommen wäre.

          Der ausgebombte Berliner brachte seine Sammlung, darunter auch Gemälde aus dem im Deutschen Reich beschlagnahmten Museumsbesitz, zunächst nach Bad Aussee in Sicherheit, wo er bereits seit 1940 ein Haus besaß. Als Direktor der 1947 gegründeten städtischen Neuen Galerie nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft an und hatte gegen den Zusatznamen „Wolfgang Gurlitt Museum“ natürlich nichts einzuwenden.

          Anstößige Geschäftspraktiken

          Schließlich gingen hier bis 1955 über hundert Ausstellungen auf sein Konto. Die Geldsorgen, die ihn schon als Leiter der Galerie seines Vaters Fritz Gurlitt plagten, hörten trotzdem nicht auf. Der Vorläufer des heutigen Lentos Kunstmuseums kaufte ihm 88 Gemälde, 33 Grafiken und ein Alfred-Kubin-Konvolut ab. Egon Schieles „Blinde Mutter“ sollte sich eigentlich diesem Bestandsgrundstock einfügen. Doch die Bedeutung des einst mit einem Skandalschleier umwehten und als „entartet“ abqualifizierten Malers hatte sich in Linz noch nicht herumgesprochen. Die Stadt lehnte ab. Nicht so Rudolf Leopold. Heute gehört das düstere Gemälde zur Sammlung des Wiener Leopold Museums.

          Schon Anfang 1956 endete die Linzer Liaison mit der Auflösung des Vertrags. Gurlitts notorisch unsaubere Geschäftspraktiken galten plötzlich als anstößig, zumal sich die Herkunft vieler eingekaufter Werke nicht klären ließ und ihr früherer Besitzer dafür bekannt war, die Provenienz mutwillig zu verschleiern oder falsche Werkzuschreibungen auszustellen – seit 1999 wurden dreizehn von ihnen an jüdische Erben restituiert, darunter auch Gustav Klimts unvollendetes „Damenbildnis (Ria Munk III)“.

          Dass Gurlitt neben seinem Leitungsposten auch weiterhin mit Kunst handelte und in München parallel eine neue Galerie aufbaute, lässt vermuten, dass er es im Verlauf seines turbulenten Berufslebens gelernt hatte, keiner Institution, möge sie ihn zeitweilig noch so hofieren, zu trauen. Umso mehr erstaunt es, wie sehr man sich nun in der Schau mit den Trophäen dieses so schillernden wie dubiosen Überlebenskünstlers schmückt, von Max Pechstein über Oskar Kokoschka, der ihn zum titelgebenden „Zauberprinzen“ stilisierte, bis hin zu Lovis Corinth. Der Impressionist porträtierte seinen Galeristen 1917 als hellwachen Charmeur.

          Das „Neuschwanstein des Expressionismus“

          Nicht, dass man ein Wiedersehen mit Lotte Lasersteins „Russischem Mädchen mit Puderdose“ nicht zu schätzen wüsste. Auch den Anblick des erotischen Mappenwerks des Skandal-Vamps Anita Berber, das im Gurlitt-Verlag erschienen war, möchte man nicht missen. Clara Siewert, Jeanne Mammen und Käthe Kollwitz gesellen sich ebenfalls dazu. Ihnen allen widmete Gurlitt unter dem Titel „Die schöpferische Frau“ gleich seine zweite Ausstellung in Linz.

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          Und noch mehr. Selbst der Hang zu Luxus-Privatinterieurs bleibt nicht unerwähnt. Fotos dokumentieren das „Neuschwanstein des Expressionismus“, das sich der Lebemann mit Hilfe eines Rudolf Belling einrichten ließ. Mit Walt Disney hätte man indes nun wirklich nicht gerechnet. Aber auch diese Ausflüge in die Traumfabrik gehörten zur unorthodoxen Praxis eines Mannes, der bedrohte Künstlerfreunde, wie etwa Eric Isenburger, unterstützte und seine jüdische Freundin Lilly Agoston, einen Prototyp der modernen Frau, mit einem Dänen verheiratete, um ihr zur Flucht zu verhelfen.

          Was zunächst ehrenwert erscheint, ändert nichts daran, dass Agoston dank des Schachzugs als Ausländerin in der Schweiz im Auftrag von Gurlitt erst der Handel mit Raubkunst überhaupt möglich war. Sieht man von den ausgestellten Schauwerten ab, fällt sogleich auf, wie nonchalant die weniger glamouröse Rolle dieses wendigen Mephistos abgehandelt wird. Da bleibt die Lektüre des opulenten Katalogs nicht aus, auch wenn von den 25 Beiträgen gerade mal vier explizit Gurlitts Verstrickungen abhandeln.

          Raubkunstbestände in Bad Ausee

          Elisabeth Nowak-Thaller legt den Fokus auf die Auktionen der Galerie Fischer in Luzern, die „entartete Kunst“ zu Schnäppchenpreisen verschleuderte. Hildebrand und Wolfgang waren hier Stammkunden. Etliches tauchte später im Lentos wieder auf, etwa Kokoschkas „Die Freunde“, die 1941 für lächerliche 50 Reichsmark verkauft wurden. Michael John schildert, wie auch noch nach dem Ende der NS-Herrschaft „arisierte“ Kunstobjekte in den Besitz der Stadt Linz gelangen konnten. Birgit Schwarz lotet aus, wie Gurlitt, vom Gau-Personalamt der NSDAP als „unzuverlässiger Vierteljude“ eingestuft, sich ohne moralische Berührungsängste neue Geschäftsfelder erschloss und selbst nicht vor dem „Sonderauftrag Linz“ haltmachte, einer informellen Organisation, die Hitler persönlich unterstellt war mit dem Ziel, sein „Führermuseum“ zu beliefern.

          Höhere Ambitionen hat er bei der Vermittlung von Raubkunst im Gegensatz zu Hildebrand offenbar nicht entwickelt, denn auf einige der Gemälde, die er später Linz vermachte, hätten wohl zuvor schon die Sonderbeauftragten gerne Zugriff bekommen, darunter Hitlers Lieblingsmaler wie Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin oder Caspar David Friedrich.

          An anderer Stelle zeigte sich Gurlitt weniger zimperlich. Noch vor der Zerstörung seines Berliner Bilderlagers übernahm er 1939 die unter Preis versteigerte Sammlung Loewenthal. 1990 wurde bereits eines der Loewenthal-Werke, das sich im Lentos befand, restituiert. Zwangsversteigertes aus dem Dorotheum fand ebenso den Weg zu ihm wie Unverkäufliches aus dem Auktionshaus Lempertz. Mit dem Umzug nach Bad Aussee, wo Hitlers Kunstschätze im Salzbergwerk lagerten, bekam er schließlich direkten Zugriff auf enorme Raubkunstbestände.

          Viele der in diesem Kontext gemachten Kontakte erwiesen sich nach Kriegsende mehr als nützlich. Etwa zu Justus Schmidt, der für den Gau Oberdonau in Paris jüdische Sammlungen durchforstete und 1943 zum Depotverantwortlichen im Salzkammergut aufstieg. Der spätere Befürworter der Neuen Galerie in Linz sorgte dafür, dass Gurlitts Name bei der Vergabe der Direktorenstelle an die erste Stelle rückte.

          Wolfgang Gurlitt. Zauberprinz. Im Lentos Kunstmuseum, Linz; bis zum 19. Januar 2020. Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 39 Euro.

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