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Wirtschaftswunder-Architektur : So hell kann’s gehen

Auf der Liste der New Yorker Sehenswürdigkeiten steht unter den „verschiedenen Hochhäusern in der Parkavenue“ ein „Bronce Steel Hochhaus“ von Mies. Es war 1956 noch eine Baustelle: das 1958, im gleichen Jahr wie das Mannesmann-Hochhaus, vollendete Seagram Building. „Selbst auf den Fifth Avenuen / fällt Sie die Leere an“, hatte Schneider-Eslebens Preisträgerkollege in seinem Gedicht gegen das Reisen verkündet, in der Tonaufnahme mit der Aussprache „Faifth“. Die Leere der Park-Avenue-Glaskisten war für Schneider-Eslebens Generation ein Versprechen: die Hohlform der offenen Gesellschaft. Hat eigentlich Richard von Weizsäcker noch ein Büro im Mannesmann-Neubau bezogen? Als Prokurist und Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung schied er Ende 1958 aus dem Unternehmen aus.

Schnell lernt er die Sprache der Durchsichtigkeit

Dass Paul Schneider, der an den Namen des Vaters den Mädchennamen der Mutter anhängte, zum Vermittler des International Style nach Deutschland werden sollte, wurde ihm nicht an der Wiege gesungen, obwohl seine Wiege in einem Architektenhaushalt stand. Der Vater Franz Schneider war für eine „vorwiegend geistliche und adlige Kundschaft“ tätig, was er in einem Zeugnis für den Sohn erwähnte, in dem er dem Gymnasiasten die für den Umgang mit einer solchen Klientel erforderlichen Umgangsformen bescheinigte. Paul Schneider studierte an der TH Darmstadt und wurde im Krieg zum Flugzeugführer ausgebildet. Als er 1942 während eines Lehrgangs in Lothringen den Architekten Rudolf Schwarz kennenlernte, will er zum ersten Mal etwas vom Bauhaus gehört haben. Sein Vater wurde im annektierten Österreich als Konservator eingesetzt.

Wie Paul Schneider-Esleben, der nach dem Tod des Vaters 1947 dessen Büro übernahm, so schnell die Sprache der zukunftsträchtigen Durchsichtigkeit meisterte, kann auch die Ausstellung nicht erklären. Es muss bis auf weiteres unter den Wundern der Zeit verbucht werden. An der Haniel-Garage und am Mannesmann-Haus, erst recht an der Düsseldorfer Volksschule an der Rolandstraße gibt es keine Erker und Bögen für die Distinktionsbedürfnisse der alten Stände mehr. Das Parkhaus der Stadtsparkasse Wuppertal von 1973 hat allerdings wieder verspielte Türmchen. Und in Schneider-Eslebens Vorliebe für die Kreisform bei Privathäusern kommt eine Traditionslinie des Burgenbaus zum Vorschein. Das 1950 für einen Arzt entworfene Haus Bonzel mit bogenförmigem Grundriss schließt sich am Stadtrand von Gummersbach elegant gegen die Nachbarschaft ab.

Die katholische Kirche St. Bonifatius in Düsseldorf, ein Werk des Vaters, das der Sohn wiederherstellte, ist mit den drei fensterlosen Ziegelsteinjochen und der vorgehängten Betonfassade ein Musterbeispiel für den Stil der ergänzenden Rekonstruktion, dessen pathetische Ehrlichkeit Dieter Bartetzko, das Nachkriegskind, in dieser Zeitung so oft gelobt hat.

Der Flughafen der kurzen Wege

Ohne Wettbewerb verschaffte dem ehemaligen Sturzkampfflieger der Ruhm seines Staatspreises den Auftrag für den Staatsflughafen Köln-Bonn. Schneider-Esleben bewahrte die Einladung zur Eröffnung durch Bundespräsident Heinemann am 20. März 1970 auf. Um elf Uhr begann die Zeremonie, spätestens um Viertel vor elf hatte der Baumeister seinen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen. Bis zwanzig vor elf hatte er Zeit, sein Mercedes Cabrio 220 SL abzustellen. Fünf Minuten! Länger brauchte er nicht vom Parkplatz zum Mittelpunkt der Abfertigungshalle. Das war sein Werk: der erste „Drive-In-Airport“ der Welt, wo der Reisende aus dem Auto sozusagen direkt ins Flugzeug umstieg. Kurz vor seinem Tod am 19. Mai 2005 musste er noch erleben, dass Helmut Jahns Erweiterung sein Konzept der kürzesten Wege zerstörte.

Den heutigen Zustand der Bauten Paul Schneider-Eslebens dokumentieren in der Ausstellung nicht nur Fotografien von Margret Hoppe, ausnahmslos Detailansichten: historische Momentaufnahmen, die die Zeit stillstellen. Nicht weniger eindrucksvoll sind Videofilme, in denen heutige Bewohner und Benutzer ihre Erfahrungen schildern. Im Mannesmann-Hochhaus sitzt nun – wirtschaftswundersamer Gang der Dinge – das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium. Der für die Raumzuteilung zuständige Beamte berichtet betrübt, dass auf den Fluren nach den Begriffen des Personalrats zu wenig Platz ist für den kollegialen Austausch. Aber der Konrektor der Rolandschule erfreut sich an den Treppenhäusern. Von der Seite gesehen, bilden die Treppen ein X-Muster: Zwei Klassen kommen aneinander vorbei und dennoch in Kontakt. So lernt man fürs Leben.

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