https://www.faz.net/-gqz-9ayu8

Zum 250. Todestag Winckelmanns : Schauriges Ende in grellen Farben

  • -Aktualisiert am

Vor 250 Jahren kam Johann Joachim Winckelmann in einem Hotelzimmer in Triest auf rätselhafte Weise zu Tode. Noch heute geben Leben und Ableben des gelehrten Archäologen Anlass zu Spekulationen.

          4 Min.

          Am 8. Juni 1768 endet das Leben des Archäologen und Kunstschriftstellers Johann Joachim Winckelmann gewaltsam in einem Hotelzimmer in Triest. Der vorbestrafte Koch Francesco Arcangeli hat es auf einige kostbare Medaillen abgesehen, die Winckelmann ihm arglos gezeigt hat. Er versucht erst, ihn zu erdrosseln. Im folgenden Handgemenge sticht er siebenmal zu. Binnen weniger Stunden stirbt Winckelmann. Für den Raubmord bezahlt Arcangeli mit seinem Leben: Er wird am 20. Juli auf dem Platz vor dem Hotel gerädert, so wie es das damals gültige Gesetz verlangt.

          Die blutige Tat jährt sich am heutigen Freitag zum 250. Mal. Schon das vergangene Jahr war ein Winckelmann-Jahr, nämlich das seines dreihundertsten Geburtstages. Der Gelehrte, der als Oberaufseher der päpstlichen Antiken verschied, wurde am 9. Dezember 1717 als Sohn eines Schusters in Stendal geboren. Da das Museum in Winckelmanns Geburtsstadt seit Juni 2017 geschlossen ist und nach umfangreicher Sanierung erst im September dieses Jahres wiedereröffnen soll, kam einer Winckelmann-Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle nun unerwartet große Bedeutung für das Land Sachsen-Anhalt zu.

          Dabei lag der Fokus der von Stephan Lehmann, Olaf Peters und Elisa Tamaschke kuratierten Schau mit dem Titel „Ideale. Moderne Kunst seit Winckelmanns Antike“ gerade nicht auf dem Werk des Jubilars, sondern auf dessen Nachleben. Das spiegelte sich auch im Rahmenprogramm: Vergangene Woche trat Werner Busch von der Freien Universität Berlin mit einem Vortrag über die Neukonzeption des Klassizismus im Kreis um Johann Heinrich Füssli auf. Das Thema erinnerte nicht von ungefähr an die von Busch betreute Sektion der Frankfurter Ausstellung „Schönheit und Revolution“ von 2013, erhielt aber mit Blick auf die in Halle gezeigten Werke eine neue Dynamik.

          Überraschende Pointe

          Bekanntlich brachen Künstler wie Johan Tobias Sergel, Thomas Banks oder Nicolai Abildgaard seit Mitte der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts radikal mit dem Gebot der affektiven Mäßigung und zeigten in ihren Werken genau jenes „freche Feuer“, vor dem Winckelmann warnte. Die Steigerung des Pathos geht Hand in Hand mit einer Tendenz zur formalen Stilisierung, was vielen dieser Arbeiten einen modernen Zug verleiht. Die Emanzipation vom Gegenstand kam, wie Busch betonte, dem Ausdruck zugute. So ergibt sich die überraschende Pointe, dass gerade die Künstler, die aus Winckelmanns Sicht die Fehler des Manierismus und des Barocks wiederholten, einen Weg in die Moderne bahnten.

          Winckelmanns früher Tod bietet hier Anlass für Spekulationen: Wie hätte er selbst auf diese meist in Rom entstandenen Arbeiten reagiert? Als Archäologe greift er in Italien über den Horizont seiner frühen Schriften hinaus und bleibt nicht bei den normativen Setzungen der „Gedancken über die Nachahmung“ von 1755 stehen. Mit den „Monumenti antichi inediti“ wechselt er am Ende sogar die Sprache. Arcangelis Mordtat setzt seiner auch nach heutigen Maßstäben beeindruckenden Karriere ein jähes Ende.

          Was sich bei den von Busch erwähnten Künstlern andeutet, weist ins zwanzigste Jahrhundert voraus. Bei aller Kritik, die die Avantgarden am akademischen Studium von Gipsabgüssen üben, bleibt das Interesse für mythologische Sujets als Nebenstrom der Moderne lebendig. Gerade die antike Aktfigur, die im Mittelpunkt von Winckelmanns Interesse stand, erlebt eine enorme Karriere in der Kunst nach 1800 – und das nicht nur in konservativ-krisenhaften Zusammenhängen. Die Ausstellung in der Moritzburg Halle folgte den Spuren dieser idealen Nacktheit vom neunzehnten Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit, von Goya bis Schlemmer, von Hans von Marées bis Georg Kolbe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rennen um SPD-Spitze : Das Duell der Ungleichen

          Scholz zieht den Säbel, Geywitz sekundiert: Ihre Gegner, Esken und Walter-Borjans, Lieblingskandidaten der Jusos, sehen im direkten Duell der SPD-Spitzenkandidaten blass aus. Ein Abend im Willy-Brandt-Haus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.