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Frankfurter Schirn : Tierwerdung als Etappe der Menschwerdung

Vom Wilden Westen bis zur Wildnis in uns selbst: Die Frankfurter Schirn fragt in ihrer weit gespannten Ausstellung, wie es zu dem Missverständnis eines menschenlosen Gedeihens kommen konnte.

          4 Min.

          Die „Wildnis“ wurde in der Romantik erfunden. Heute, in der menschgeprägten Natur des Anthropzän, spricht eigentlich niemand mehr über sie, es sei denn als Utopie. Der Erde ist das letzte Fitzelchen Wildheit ausgetrieben worden. Seit der Mensch als wichtiger Einflussnehmer auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Vorgänge erkannt ist, funktionieren Dualismen wie Natur und Kultur oder wild und zivilisiert nicht mehr in althergebrachter Form. Allenfalls als historisches, museales Konzept hat sich der Wildnis-Begriff erhalten, als Titel für Ausstellungen wie jetzt für jene eindrucksvolle Wildnis-Schau in der Frankfurter Schirn.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die reich belegte Erkenntnis, die man von dieser Ausstellung mitnimmt, lautet: Wildnis war immer schon Kunst, ein ästhetisches Artefakt, ein inszenierter Sehnsuchtsort. Wildnis-Kunst ist deshalb, pointiert gesagt, weniger ein Sujet der Kunst- als der Naturgeschichte. Diese verblüffende Sicht macht sich die Schirn zu eigen, weshalb hier auch mit bekannten Objekten ganz neu vom Eigensinn der Natur erzählt wird, eines Eigensinns, der gerade als natürlicher ein künstlicher ist. Von Henri Rousseaus Ölgemälde „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“ bis zum King-Kong-Video Camille Henrots und Frank Stellas Werkzyklus „Moby Dick“ wird die wechselseitige Aggression im Verhältnis von Wildnis und Zivilisation beschrieben, Konflikte, die Natur und Kultur wiederum zu unentwirrbaren Hybridbildungen zusammenwachsen lassen.

          In diesem Sinne geht es der Ausstellung, wie die Kuratorin Esther Schlicht festhält, nicht in erster Linie darum, den ikonographischen Darstellungskonventionen von Wildnis historisch nachzuspüren, sondern die inhärente Verbindung von Kunst und Wildnis (das, was Wildnis naturgemäß ausmacht: ihre künstlerische Darbietung) in Szene zu setzen. Dazu werden rund 35 künstlerische Positionen aus der Zeit von 1860 bis heute präsentiert – aus Malerei, Fotografie, Grafik, Film, Video, Skulptur, Sound und Installation.

          Medium der Selbsterkenntnis

          Von sich selbst überlassener, unberührter Natur können paradoxerweise am wenigsten jene Künstler sprechen, die das Wildnis-Konzept forciert seit dem neunzehnten Jahrhundert zu stützen suchen. Denn sie nehmen an der Natur ja teil, die sie beobachten, wurden selbst ein Teil von ihr, drücken ihr den menschlichen Fußabdruck auf. Wie eng die Idee der Wildnis mit der künstlerischen Bildproduktion einer selbsternannten Zivilisation zusammengeht, wird in der Schirn ganz großartig mit einer Reihe von Aufnahmen des Fotografen Carleton Watkins verdeutlicht, die er im neunzehnten Jahrhundert vom Yosemite Valley machte, in der Tat Zeugnisse einer spezifisch amerikanischen Ausprägung romantischer Wildnis, ikonische Darstellungen des „Wilden Westens“, zugleich Auslöser dafür, dass mit Yosemite 1864 erstmals ein Wildnisgebiet unter Schutz gestellt wurde. Deutlich tritt hier auch wieder „die grundlegende Paradoxie von Anwesenheit und Abwesenheit (des Menschen respektive des Künstlers) zutage, wie sie jeder, insbesondere jeder fotografischen Darstellung von Wildnis als einer Örtlichkeit außerhalb menschlicher Reichweite innewohnt“ (Esther Schlicht).

          Als Metapher behauptet sich Wildnis auch jenseits ihrer konstruktivistischen Bloßstellungen, die Ausstellung widmet dieser Thematik den eigenen Komplex einer „Wildnis in uns“, wo das Freudsche Unbewusste und andere Grenzgebiete des Bewusstseins zur Sprache kommen. Wildnis als vieldeutige Metapher für innere Zustände, für eine auf Kontrollverlust, Trieb und Zufall setzende Ästhetik, an die Künstler verschiedener avantgardistischer Bewegungen anknüpfen. Lust am Elementaren, Reduktion auf den Nullpunkt – daraus spricht auch die Erwartung, Realität diesseits der zivilisatorischen Überformungen zu gewinnen, ein Gefühl für das Authentische zu stärken, mit allen Risiken der Selbsttäuschung, die mit einem solch vermeintlich unmittelbaren Zugriff auf Natur verbunden sind.

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