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Ausstellung über das Kopftuch : Keine Enthüllung bei den Verhüllungen

  • -Aktualisiert am

Auch die Nationalsozialisten sangen das Lob des Kopftuchs: Wiens Weltmuseum zeigt in seiner Ausstellung „Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch“ die lange Tradition der Verhüllung.

          3 Min.

          Mit der Ausstellung „Verhüllt, enthüllt!“ widmet sich das Weltmuseum in Wien dem Thema Kopftuch, macht aber um aktuelle Debatten diesbezüglich einen weiten Bogen. Ist das ein Statement gegen islamophoben Rechtspopulismus oder schlicht Scheu vor Risiko? Die Tücher des Wiener Weltmuseums jedenfalls sind in ethnobunten Streifen gewebt, mit floralen Mustern bestickt oder gebatikt. Fransen hängen von den traditionellen Textilien, andere schmücken Perlen oder Goldfäden. Zur ethnologischen Sammlung des Hauses zählen Dutzende schöne Stoffrechtecke, die nun für die Schau aus den Depots geholt wurden. So dekorativ die in Vitrinen ausgestellten Gewebe auch sein mögen, so kontrovers ist ihre kulturelle Bedeutung. Gerade in Zeiten einer rechtspopulistischen Regierung in Österreich, die im Hidschab ein sprichwörtlich rotes Tuch sieht und regelmäßig Verbote fordert, ist das Ausstellungsthema brisant

          Vor dem Hintergrund, dass das Kopftuch heute fast ausschließlich mit Islam gleichgesetzt wird, möchte Kurator Axel Steinmann vergessene, verdrängte und wenig bekannte Geschichten aufzeigen. Ein wichtiger Erzählstrang demonstriert, dass Kopftuchgebot und Verschleierung weder im Orient noch vom Islam erfunden wurden. So steht am Beginn der Schau der Kupferstich „Virgo Veneta“ von 1581 mit einer komplett verhüllten Frauenfigur. Der reisende Sammler Jean Jacques Boissard hat diese venezianische Jungfrau seinerzeit in eine Enzyklopädie über die Trachten fremder Länder aufgenommen.

          Während in den zentralen Schriften von Islam und Judentum keine expliziten Verhüllungsgebote zu finden sind, pochte Apostel Paulus im Ersten Brief an die Korinther auf das Bedecken des weiblichen Haupts beim Beten. „Der Schleier ist ihr Joch“, schrieb zweihundert Jahre später Kirchenvater Tertullian. In der Sakralkunst wurde die Jungfrau Maria mit weißem Kopftuch und blauem Manteltuch zum Inbegriff von Tugendhaftigkeit stilisiert. Anhand von vielen Beispielen zeigt die Schau, dass männliche Autoritäten seit Jahrtausenden immer wieder „Kopftuch rauf!“ oder „Kopftuch runter!“ gefordert haben.

          Gleichzeitig wurden Bekleidungsvorschriften stets modisch unterwandert und sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Davon zeugen drei Spielarten ägyptischer Gesichtsschleier, die garantiert die Blicke auf sich zogen. Um 1900 trugen reiche Städterinnen den luftigen „Yashmak“ aus weißer Seide, während das mit osmanischen Münzen verzierte Baumwolltuch die weiblichen Gesichter der urbanen Unterschicht verdeckte; die Beduininnen des Sinais bestickten ihre Schleier hingegen gerne mit Metallplättchen, Perlen und buntem Tand.

          Zwischen Exzentrik und vorgeblicher Demut

          Wohl um zeitgenössisches Flair in die Ausstellung zu bringen, wurden siebzehn Positionen aus Kunst, Fotografie und Mode dazu eingeladen. Durch die Gastbeiträge wird der Rundgang zwar kurzweiliger, aber auch sprunghaft und teils redundant. Das Video „Undressing“ der in Wien und Istanbul lebenden Künstlerin Nilbar Güres bereichert die Schau. Güres tritt darin selbst mit unzähligen Tüchern verkleidet auf. Unter jedem Schleier, den sie abnimmt, kommt wieder ein anderer zum Vorschein – eine gelungene Metapher für die individuelle Vielfalt und das Fehlen einer letzten Wahrheit im Kopftuchstreit. Die Entwürfe der Wiener Modemacherin Susanne Bisovsky erinnern hingegen an spanische Mantillas. Ihre Fotostrecke zeigt Models mit spektakulären Festhauben aus Tüll und Spitze, die zwischen Exzentrik und vorgeblicher Demut schwanken.

          Immer wieder streift die Schau an historische Konflikte, in denen das Tragen oder die Abnahme des Kopftuchs als Mittel des Protests fungierte. Ein Beispiel für einen solchen Bedeutungswandel stellt das sogenannte „Palästinensertuch“, die Kufiya, dar. Ursprünglich wurde das gewürfelt gemusterte Baumwolltuch von arabischen Männern getragen, die mit der Verweigerung des Fes gegen die osmanische Herrschaft auftraten. Aber auch die jüdischen Pioniere in Palästina setzten die Kufiya auf, denn sie sahen darin die imaginierte Tracht des Volkes Israel. Erst PLO-Führer Jassir Arafat machte das Stoffquadrat zum palästinensischen Nationalsymbol.

          Gegnerinnen und Gegner des Kopftuchs werden die Schau mit einer gewissen Ungeduld durchstreifen. Ihre Kapitel widmen sich dem Habit christlicher Ordensschwestern, Kopftüchern für Männer in Guatemala oder der Frauenmode im Konstantinopel der zwanziger Jahre, aber von Repressionen in arabischen Ländern ist keine Rede. Kurator Steinmann geht lieber der Ideologisierung des Textils nach, das mal das ganz Fremde und dann wieder das Ureigene symbolisieren soll. So hat er den 1938 erschienenen Zeitungsartikel „Das unsterbliche Kopftuch“ ausgehoben, der Trachtenmode als Zeichen für Heimattreue lobt. Daneben hängt ein Plakat der Nationalsozialisten, das eine Fabrikarbeiterin mit dem Titel „Ein Kopftuch ist kleidsam und schützt vor Gefahr“ abbildet. Dass Deutschtum und Kopftuch zusammengehen, mag heutige Rechtsnationale verwundern, mehr aber wahrscheinlich auch nicht.

          Wenn am Ende der Ausstellung Queen Elizabeth I. mit ihrem Seidentuch von Hermès und Audrey Hepburn im Cabrio-Look auf Fotos lächeln, stellt sich doch eine gewisse Unzufriedenheit ein. Es ist, als hätte man eine Ausstellung über Aktmalerei besucht, in der Schaulust und sexuelles Begehren kein Thema sind. Die heißen Eisen Xenophobie und feministische Kopftuchkritik müssen in „Verhüllt, enthüllt!“ draußen bleiben, und auch Debatten zur kolonialistischen „Befreiung der Frau“ werden nur kurz berührt. Damit macht sich die Schau die Welt einfacher, als sie ist, und trägt ihren Multikulti-Schal allzu locker.

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