https://www.faz.net/-gqz-a32xj

Kunst nach Corona : Vor dem großen Beben

  • -Aktualisiert am

Die argentinische Dragqueen Bartolina Xixa, zu sehen in einem Video auf der 11. Berlin Biennale Bild: Elisa Portela

Manifesta, Berlin Biennale, Berlin Art Week, Messen: Die Ausstellungssaison beginnt, als wäre nichts, dabei ist alles anders als zuvor. Welche Spuren wird die Pandemie in der Kunst hinterlassen? Drei Prognosen.

          7 Min.

          Es beginnt die erste Kultursaison der Corona-Pandemie. Also die erste, die mit den Einschränkungen zum Schutz des Publikums rechnen konnte. Dass die größte Mehrheit aller Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, Künstler bis auf weiteres auf dem Trockenen sitzt, ist bekannt. Was aber ist mit der Kunst selbst? Wie beständig sind die Formate, in denen sie sich ereignet? Und wenn diese Formate sich verändern oder auf lange Zeit beschränkt sind, weil die Besucher wegbleiben oder das Geld – wird die Kunst dann noch die gleiche sein?

          Nächste Woche hätte in Basel die Art Basel eröffnet, die weltweit wichtigste Kunstmesse. Ihre Vorbesichtigungen waren immer frenetische Zusammentreffen aller Enden der Kunstwelt, von unterbezahlten Galerieassistentinnen bis zu den Superreichen der Erde. Weil mit deren hinreichendem Erscheinen auch zum Ausweichtermin nicht zu rechnen war, bleiben in diesem Jahr alle zu Hause. Auch die kleinere Messe Liste hat sich jüngst in sogenannte Viewing Rooms verlegt, virtuelle Simulationen des Originals, die vor allem dem Zweck dienen, dass man das Original nicht vergisst.

          Vorvergangenen Sonntag hätte die nachgeholte Architektur-Biennale in Venedig eröffnet. Sie ist auf 2021 verlegt und schiebt damit die nächste Kunstbiennale auf den Documenta-Sommer 2022. Letzte Woche hat in Marseille die europäische Wanderbiennale Manifesta eröffnet, die alle zwei Jahre die Fackel der europäischen Kunstöffentlichkeit in eine andere Stadt bringt, vor zwei Jahren nach Palermo, 2022 nach Priština. Kurz vor der Eröffnung erfüllte sich die größte Sorge der Veranstalter: Marseille wurde Corona-Hotspot, das Auswärtige Amt warnt vor der Reise. Die Pressekonferenz bestand aus aufgezeichneten Videoansprachen. Immerhin wurden am ersten Wochenende tausend echte Besucher gezählt.

          Was bisher (nicht) geschah

          Alles an solchen Großausstellungen, die ab den neunziger Jahren ihr Netz über die ganze Welt gespannt haben, ist auf die Anteilnahme eines internationalen Publikums gebaut, auf Funkenschläge zwischen globaler Bedeutung und lokaler Besonderheit. Jetzt muss die Region Sud die Sache weitgehend unter sich ausmachen, die VIP-Pakete für die gesamte Ausstellungsdauer werden schon für vierzig Euro verramscht.

          Auch Berlin will in dieser Woche „Berlin Art Week“ feiern. Im Rahmen des vom Mai nachgeholten Gallery Weekends eröffnen rund vierzig Berliner Galerien ihre Ausstellungen des Jahres. Damit lockten sie früher Sammler aus China und Amerika an. Wer diesmal kommt, ist ungewiss, zumal die festlichen Essen und Partys ausfallen müssen. Zum ersten Mal hilft Geld vom Land dabei, die Marke am Leben zu halten.

          Und die Berlin Biennale, die letzten Samstag eröffnet wurde? Ist offenbar schon vorbei, jedenfalls, wenn man nach dem Titel eines ihrer Kapitel geht: „Epilog“. In einem kleinen Raum in Berlin-Wedding hatten die Kuratoren über die letzten zwölf Monate die Nachbarschaft zu Ausstellungen und Workshops eingeladen, die jetzt dort dokumentiert sind, parallel zu den klassischeren Ausstellungen in den Kunst-Werken und im Gropius Bau. Dort finden sich statt bekannter Namen viele Werke vor allem lateinamerikanischer Künstler, die Kapitalismus und Christentum von ihren schlimmsten Wirkungen her in den Blick nehmen. Die Eröffnungsreden fielen aus, die ersten Zeitfenster sind ausgebucht, weshalb viele Kunstmenschen gar nicht angereist sind.

          Vor vierzehn Jahren, vor der Finanzkrise, als Kunst noch fröhlich und unschuldig vor sich hin phantasierte, beeinflusste die Berlin Biennale das Bild der Stadt in der Welt. Im WM-Sommer 2006 sandte ihre vierte Ausgabe Fotos geheimnisvoller Malereien und Skulpturen in sanierungsbedürftigen Wohnungen und Ballsälen nach draußen und läutete den Ausverkauf des Berlin-Mythos ein. Jetzt hat die Biennale sich schon vor Corona vom Konzept der aufsehenerregenden Großausstellung verabschiedet – wie auch die Manifesta, deren über mehrere Städte verzweigtes Programm aus Ausstellungen, lokalen Workshops und Urbanismusstudien vor jedem Versuch, sie auf den Begriff zu bringen, zerfällt. Wer sich ein Bild solcher Ausstellungen machen möchte, müsste eigentlich alle ihre Besucher auf jedem Schritt begleiten.

          Die Pandemie verstärkt die Krisen, die schon da waren. Vor allem die des Publikums. Was passiert, wenn man vom meisten, das passiert, nichts wahrnehmen kann, als dass es passiert? Geht es einen dann noch etwas an? Setzt man es noch in Bezug zu einem Ganzen der Kunst? Oder gerät dieses Ganze aus dem Blick?

          1. Die Kunst schrumpft

          Geht man nach der Dichte der Ausstellungsankündigungen, zumindest in Deutschland, der Schweiz und Österreich, scheint alles wie vorher. Beflissen bugsiert die Kunst ihre Formate über den drohenden Abgrund, gestützt durch öffentliche Hilfspakete. In den nächsten zwei Jahren, wenn der Nachschub aus den zentralen Töpfen versiegt, die Kämpfe zwischen Kultur- und Sozialpolitik schärfer werden, wird das vielleicht aussehen, wie wenn eine Cartoonfigur über die Kante hinausspaziert. Erste Anzeichen eines Bebens wurden in Villingen-Schwenningen gemessen: Dort findet sich auf einer umfangreichen Liste zu prüfender Ausgaben auch die Städtische Galerie. Oberbürgermeister Jürgen Roth kanzelt eine Petition von Künstlern als „aufgeregtes Getrommel“ von „Lobbyisten“ ab, bestätigt aber, dass die Kulturverwaltung aufgefordert ist, ein „Neuordnungskonzept“ vorzulegen. Ausstellungen, beschwichtigt Roth, wolle man nicht aufgeben.

          Dann vielleicht eine der Otto-Dix-Grafiken verkaufen? Es dürfte in Zukunft noch schwerer werden zu erklären, wozu man die weltweit einzigartige Zahl kleiner Institutionen braucht, die so viel weniger Besucher anziehen als die überall angezählten Schwimmbäder. Kunst gilt bis hoch in die Landespolitik immer seltener als unabdingbar. Die Verpflichtung der Nachkriegszeit gegenüber der unter den Nationalsozialisten verfemten modernen Kunst sah Walter Grasskamp schon 1989 schwinden. Die Beweislast hat sich umgekehrt, der Bürger, der ein Kunstwerk nicht versteht, sieht die Verantwortung dafür zunehmend beim Kunstwerk.

          Arbeit von Rirkrit Tiravanija an der Fassade des Berghain, in der die Ausstellung „Studio Berlin“ stattfindet
          Arbeit von Rirkrit Tiravanija an der Fassade des Berghain, in der die Ausstellung „Studio Berlin“ stattfindet : Bild: Noshe

          Große Museen wie die Dresdner Kunstsammlungen stellten sich schon während des Lockdowns darauf ein, sich nach den Millionenverlusten auf abseh- bare Zeit stärker ihrer Sammlung zuzuwenden als Blockbuster-Ausstellungen aus teuren Leihgaben von anderswo.

          Die ersten großen Einschläge auf dem Kunstmarkt zeigten sich in Amerika, wo auch größte Galerien fast alle Mitarbeiter entlassen haben. Als sich im Juli die sehr erfolgreiche Galerie Gavin Brown gezwungen sah, sich der Gladstone Gallery zu übereignen, die dann die weniger profitablen Künstler auf die Straße setzte, wurde klar, dass man sich auf alles gefasst machen musste. In Deutschland ist laut einer Umfrage des Berliner Instituts für Strategieentwicklung unter 237 deutschen Galerien, die am Dienstag vorgestellt werden soll, der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel geschrumpft. Bei vielen sei das Geschäft ganz zusammengebrochen. Ernst wird es, wenn die gestundeten Mieten fällig werden oder doch noch eine Rezession zuschlägt. Immerhin erzählen Galeristen auch von stark gesunkenen Ausgaben, weil die teuren Mieten und Transporte für die Messen wegfallen.

          2. Die Kunst zersplittert

          Jetzt, wo der Kunstmessen-Jetset pausiert, wird aber auch spürbar, was an Messen so toll war, außer dass Galeristen auf sie schimpfen konnten, um dann doch zu fünfzehn Stück im Jahr zu reisen. Was mit ihnen ausfällt, ist ein Ort, an dem das Ganze der Kunst in den Blick kommt. Je höher die Preise stiegen, je größer das Publikum wurde, desto dichter wurden die Talk-Programme, auf denen berühmte Gesichter um die Wette sinnstifteten. Klar, das meiste war Quatsch, aber immerhin gab es Gipfel, die einen Horizont für alles andere boten, die man besteigen wollte und gegen die man sich profilieren konnte. Jetzt könnte sich herausstellen, dass es die Öffentlichkeit zur Legitimation der Preise gar nicht braucht. Superreiche können sich, so eine Vision der Basler Kuratorin Chus Martínez, auch zu Tupper-Partys treffen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit Stücke ihrer Sammlung tauschen, in Zollfreilagern oder internationalen Gewässern.

          Wenn die Bergfeuer nicht brennen, wird die Ebene sichtbar. Es ist die Stunde der Festivals der zweiten und dritten Reihe: Rohkunstbau auf Schloss Lieberose im Spreewald (bis 4. Oktober); das Südtiroler Festival für Zeitgenössische Kultur mit vier neuen Arbeiten Roman Signers (Eröffnung am Donnerstag); das Galerienfestival Curated by in Wie (Eröffnung am Dienstag). Überall, wo etwas passiert, fällt jetzt Licht hin – was Findige nutzen, um ganze Standorte zu kapern, wie der Berliner Galerist Johann König, der auf Einladung des amerikanischen Sammlerpaares Hall das Herbstprogramm im niedersächsischen Schloss Derneburg kuratiert, Titel: „Szene Berlin“. Da reist sogar der Berliner Kultursenator an, der sich nach dem von Julia Stoschek forcierten Sammler-verlassen-Berlin-Schock über jeden Kunstmenschen freut, der nett zu ihm ist.

          Nur so ist zu erklären, dass Lederer 250 000 Euro (das entspricht dem Ankaufsetat der Berlinischen Galerie) in eine Ausstellung mit dem ebenfalls den Berlin-Lappen auswringenden Titel „Studio Berlin“ steckt, die das Sammlerpaar Karen und Christian Boros am Dienstag im Technoclub Berghain eröffnet, mit Künstlern, die ihrem robusten Kunstgeschmack entsprechen. Viele von diesen mussten eigenes Geld und Personal in den Aufbau schießen, während Unsummen in andere Arbeiten gegangen sein müssen, etwa Julius von Bismarcks an Motoren hängende Boje, die nach live vom Atlantik gesendetem Seegang tanzt. Das Ganze der Kunst ist hier verkörpert vom Hauptexponat: dem Club und seiner Szene.

          3. Die Kunst verarmt

          Nachdem der Senat die Art Berlin vergrault hat, rückt jetzt die immer eher als hochnäsig abgetane Positions am Flughafen Tempelhof in die erste Reihe. Die Preise sind niedriger, die Kunst weniger spannend. Aber vielleicht gewöhnen sich ja die nach Spitzenleistung strebenden Kunstmenschen ein bisschen mehr Breitensinn an, ein bisschen mehr Toleranz und Gespür für die Gemeinsamkeiten statt der feinen Unterschiede.

          Zwischen dem Nuller-Jahre-Ruinen-Kitsch im Berghain zeugen auch viele Werke davon, dass der Rückzug ins Atelier während des Lockdowns den Werken nicht geschadet hat: betörend die riesige Stoffblüte, die Petrit Halilaj und Alvaro Urbano in der taghellen Panorama Bar vor das DJ-Pult gehängt haben. Trotzdem steht zu erwarten, dass die Aufspaltung der Kunstwelt in viele kleine Subkulturen mit je eigenen Dialekten weiter zunimmt. Während sich als lingua franca die Sprachen der Moral und der Identität etablieren. Immer seltener werden die Werke erklärt als die wissenschaftlichen Diskurse, über die sie sich legitimieren. Die politischen Anliegen. Die besonderen Lebensläufe. So auch auf der Berlin Biennale, wo sich ein Lamento an das andere reiht, ohne dass die Werkzeuge der Kunst selbst in den Blick gerieten. Alles, was über die kommende Documenta nach außen dringt, lässt auf Beschwörungen von Zwischenmenschlichkeit schließen statt der künstlerischen Suche nach Rissen und Brüchen, die den Blick auf Welt, Gesellschaft, Kunst, Leben schärfen könnten. Wird das ein künftiger Begriff von Kunst sein: irgendwas mit Menschen, nach je lokalen Kriterien moralisch richtig gemacht? Dann wird mal wieder die Frage aufkommen, was das von Nichtkunst unterscheidet. Und die materialisierten Träume, die nur eigenen Regeln folgen, werden es schwer haben.

          Vielleicht aber wird in so einer Welt der Stämme und der von Staat und Stammesfürsten geförderten Bettelorden auch gar niemand mehr nach Kunst fragen.

          Berlin Biennale, verschiedene Orte, bis 1. November. Manifesta, Marseille, bis 1. November. Studio Berlin, Berghain, bis zur Wiedereröffnung des Tanzbetriebs

          Weitere Themen

          Die Frankfurter Paulskirche Video-Seite öffnen

          Rundflug : Die Frankfurter Paulskirche

          1848 bis 1849 tagte hier die Nationalversammlung. Nach dem Brand im März 1944 wurde sie zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz und die Frauen

          Kampf um den CDU-Vorsitz : Wie Frauen über Friedrich Merz denken

          Sich über Friedrich Merz zu empören, ist leicht. Er ähnelt einem SUV zwischen lauter Volkswagen Golfs – und ist die Anti-Greta, der Inbegriff des alten weißen Mannes. Alles Vorurteile? Wir haben alte Weggefährtinnen gefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.