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Impulse aus Marrakesch : Afrikanisiert Euch!

Vor allem gibt es keine Transportwege und keine zentralen Eigentümer, die den Gewinn abschöpfen. „Es gibt in Marokko über eine Million Handwerker, die so etwas bauen, sich via Internet austauschen und Knowhow weitergeben können“, sagt der in Algerien geborene Künstler Éric van Hove, der vor kurzem sein aus ausrangierten deutschen Ersatzteilen neu aufgebautes marokkanisches Mercedes-Taxi im Frankfurter Kunstverein zeigte und das Motorrad-Projekt als Akt der Selbstermächtigung sieht. „Zusammen ergeben die artisans eine gigantische Fabrik; nur eben eine ganz neue Art von Fabrik.“ Der utopische Gehalt der Kunst greift da auf ökonomische Modelle außerhalb der Kunstwelt über. Auch Sara Ouhaddou zeigt in Marrakesch Arbeiten, die aus der Kunstimmanenz hinausweisen: Eine Plastik sieht aus wie eine Abstraktion der Medina, wie das Modell einer Zukunftsstadt. Gleichzeitig hat Ouhaddou ein Zeichensystem aus Symbolen entwickelt, die man als Text lesen kann, die selbst aber wie Architekturentwürfe aussehen: Sprache und Raum, Buchstaben und Bausteine laufen da ineinander, die Stadt wird les-, der Text bewohnbar. Dass ihre Utopien von offenen Räumen kein bloßes Gedankenspiel sind, zeigt sich in der Medina: Die Häuser dort sind zur Straße hin offen, sie haben keine Fassade, nur ein Rolltor: Das Innen und das Außen werden durch ein Labyrinth aus Objekten – Teppichen, Töpfen – getrennt, in dem immer neu verhandelt werden muss, was privat und was öffentlich ist. Eine zukünftige Architektur kann hier mehr lernen als von der stumpfen Trennung von beidem durch Wände und Türen.

Bisher war es vor allem die als „Afrofuturismus“ gepriesene Kunst, in der – als Fiktion – die Möglichkeit durchgespielt wurde, dass Afrika mehr sein wird als nur der ewig abgehängte, hunger- und korruptionsgeplagte Problemkontinent. Der Jazzmusiker Sun Ra träumte von einem futuristischen Planeten nur für Schwarze, der gerade in die Kinos gekommene Film „Black Panther“ zeigt eine Welt ohne weiße Führer, in Abdourahman A. Waberis Roman „In den Vereinigten Staaten von Afrika“ fliehen verarmte Europäer vor dem Bürgerkrieg und der Hungersnot ihrer kalten Heimat in die reichen Länder Afrikas, während afghanische Hilfsorganisationen Lebensmittelreste aus Nordkorea an bedürftige Franzosen verfüttern, was im Kern bloß eine simple hypothetische Umkehrung der herrschenden Machtverhältnisse war. Jetzt aber gibt es einen neuen Afrofuturismus, der sich nicht gegen „den Westen“ und China richtet, sondern an ihnen vorbei einen Weg bahnt.

In Marrakesch zeigte sich, siehe Mofa-Projekt, dass die Utopien beginnen, das Reich der Fiktion ausgerechnet durch das Tor der Gegenwartskunst zu verlassen. Marrakesch ist so gesehen nicht bloß eine Erweiterung der globalen Eventroute der Kunstwelt, sondern ein ganz neuer Ausgang für all die guten Ideen, die in ihr bisher als bloßes Gedankenspiel kaltgestellt wurden.

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