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Impulse aus Marrakesch : Afrikanisiert Euch!

Besucher in Kaschmir vor Kunst aus Plastikmüll

Die Messe 1:54 gibt es schon seit einigen Jahren, erst als Satellit in London, wo die Initiatorin, die Marokkanerin Touria El Glaoui, die Aufmerksamkeit der internationalen Szene nutzte, um „afrikanische Kunst“ zu zeigen, dann in New York – und schon beim Gegenstand der Schau stellen sich Fragen. Welchen Sinn macht der Sammelbegriff „afrikanisch“ überhaupt, wenn schon Länder wie Marokko und Algerien ökonomisch und politisch weniger gemein haben als BRD und DDR und Kapstadt und Kairo so unterschiedlich sind wie Ulan-Bator und Berlin und auch nicht dichter beieinander- liegen? Und sind die Maghreb-Länder durch ihre Kolonialgeschichte, aber auch geographisch, als Mittelmeeranrainer, nicht Ländern wie Frankreich und Spanien viel näher als etlichen Subsahara-Ländern? Und wie soll man etwa die 1986 als Kind einer marokkanischen Familie im französischen Draguignan geborene Künstlerin Sara Ouhaddou einsortieren: Französin? Afrikanerin? Die Ausstellungsmacher stellten diese Fragen – und behaupteten am Ende, dass es doch und nur so geht: dass man den zahllosen Biennalen und Messen, auf denen eine sehr westliche Idee von afrikanischer Kunst dominiert, etwas entgegenstellt, das aus einem afrikanischen Land kommt, als Bühne, auf der sich afrikanische Regionen zeigen und ihre Kunstgeschichte erzählen können. So sind die in Marrakesch gezeigten historischen Arbeiten auch so etwas wie der Umriss eines imaginären Museums des 20. Jahrhunderts aus afrikanischer Sicht, mit Fotos von Sory Sanlé, der in den siebziger Jahren den kulturellen und musikalischen Aufbruch in Burkina Faso dokumentierte, und der Malerei des 1904 geborenen Ernest Mancoba, der aus dem Repertoire traditioneller afrikanischer Kunst abstrakte Malereien schuf.

Utopien und Fiktionen

Touria El Glaoui sagt, es mache einen Unterschied, ob ein Sammler aus Nigeria in Marrakesch Kunst kaufe oder in Hongkong. Warum? Vielleicht, weil Kunst immer weniger eine Ware ist, die man in ein Flugzeug verfrachtet und dann auf irgendeiner Messe wieder aufstellt, wie es mit Gemälden oder Skulpturen problemlos ging. Dass auf der letzten Documenta so viele Filme liefen und Objekte gewissermaßen nur als Hinweisschilder für anderswo stattfindende und vom Ort nicht loszulösende Werke aufgestellt wurden, verdeutlichte das Problem: Vieles, gerade die indigenen Masken, wirkte, klinisch im Museum isoliert, nicht wie das Feuerwerk, sondern eher wie der verkokelte Haufen, der davon übrig bleibt.

Motoren zu Kunst, Kunst zu Motorrädern: In Marrakesch wird der Begriff der Angewandten Kunst neu definiert

In Marrakesch begreift man, dass man oft besser zur Kunst reist, als Bruchstücke von ihr in schweizerische oder nordhessische Kleinstädte zu verschicken. Wie sehr Kunst von ihrem lokalen Kontext abhängig ist, zeigt auch die Mahjouba Initiative. Marokko hat zahllose Kunsthandwerker, die ihr Geld hauptsächlich mit Objekten für Touristen verdienen. Ansonsten sei das Handwerk ein Anachronismus, heißt es immer wieder. Die Mahjouba Initiative bezweifelt genau das. So würden in Marokko sehr viele leichte Motorräder gekauft, früher französische und japanische, zuletzt auch chinesische Raubkopien mit Elektroantrieb. Ein Motorrad ist, wie der Name sagt, ein Motor mit Rädern; ein Verbrennungsmotor ist nicht einfach zu bauen, der Rest aber schon. Warum also nicht, fragten die Künstler der Mahjouba Initiative, einen Elektroantrieb besorgen und den Rest von lokalen Handwerkern aus lokal vorhandenen Teilen nachbauen lassen? So wurde, als Teil einer afrikanischen Selbstermächtigung, die in China hergestellte Raubkopie raubkopiert. Die Dinger werden lokal aus recyceltem Messing, Stahl, Kamelknochen, weißem Zedernholz, Silber, Zinn, Gummi, Harz und Kuhhaut hergestellt, sehen je nach Region anders aus und tragen so zur lokalen Identität bei.

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