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Bild der Sowjetunion in Dessau : Wie das Bauhaus Malewitschs Erfahrungen schönfärbte

  • -Aktualisiert am

Heute: Das Bauhaus in Dessau Bild: EPA

Eine weithin unbekannte Geschichtsklitterung des Dessauer Bauhauses aus dem Jahr 1927: Ausgerechnet Kasimir Malewitsch kanonisierten Gropius und Gleichgesinnte zu einem Vorzeigekünstler der russischen Oktoberrevolution.

          Kasimir Malewitsch erhoffte sich viel von diesem Besuch in Dessau. Denn in seinem eigenen Land, der Sowjetunion, stand er mittlerweile auf der Abschussliste. Dass man ihn überhaupt ausreisen ließ, war schon fast ein Wunder. Endlich, nach mehreren Anträgen konnte er 1927 zuerst nach Warschau reisen, wo er auf die Vermittlung seiner polnischen Schüler Katarzyna Kobro und Wladislaw Strzeminski eine kleine Ausstellung hatte. Anschließend fuhr er nach Berlin. Hier traf er am 29. März 1927 ein und blieb zehn Wochen. Doch auch in Berlin glaubte er, von sowjetischen Agenten verfolgt zu sein.

          Grund seiner Berlin-Reise war die Teilnahme an der Großen Berliner Kunstausstellung, in der er in einem eigenen Saal an die siebzig Bilder zeigte. Die Reaktion des deutschen Publikums war jedoch verhalten. Verhalten schrieb auch der damalige sowjetische Volkskommissar für Bildungswesen, Anatolij Lunatscharski, der die Ausstellung ebenfalls besuchte: Malewitsch sei zwar schon ein guter dekorativer Maler, nur „das Unheil fängt dort an, wo Malewitsch aufhört, Gemälde zu malen, und beginnt, Broschüren zu schreiben. Ich habe gehört, dass das literarische Schaffen dieses Künstlers auch die Deutschen in Verlegenheit gebracht hat.“ Denn er versuche seine Kunst „auf eine gewisse Weise sowohl mit der Revolution, als auch mit Gott zu verknüpfen“.

          Wegen all dieser Schwierigkeiten konnte Malewitsch es kaum erwarten, seine – wie er glaubte – Gesinnungsgenossen in Dessau zu treffen. Er nahm sogar Lehrtafeln von sich und seinem Freund, dem Maler und Komponisten Michail Matjuschin mit, ging er doch davon aus, dass ihm die Gelegenheit geboten werde, den Suprematismus und die mit ihm verbundene Lehrmethode an der Bauhausschule vorstellen zu können. Als er jedoch in Begleitung des polnischen Kunstkritikers Tadeusz Peiper am 7. April 1927 in Dessau zum verabredeten Termin eintraf, musste er mit großer Verblüffung feststellen, dass die meisten Bauhäusler einen Tag vorher in die Semesterferien gereist waren. Aber waren sie wirklich verreist? Und warum hatte man den Termin in die Ferienzeit gelegt?

          Kalte Ablehnung

          So kam es, dass Malewitsch lediglich vom Direktor Walter Gropius und seiner Frau Else zum Lunch empfangen wurde. Ilse Gropius erinnert sich: „Malewitsch macht einen außerordentlich vitalen starken Eindruck. Klagt sehr über die Zustände in Russland, die ein sachliches Arbeiten überhaupt verbieten. Alles was nicht politisch und propagandistisch auswertbar ist, hat keine Geltung. Er war sehr interessiert über die Angriffe gegen das Bauhaus aus politischen Gründen und ergriff beglückt den Hetzartikel der ‚Deutschen Zeitung‘, die dem Bauhaus Sowjet-Propaganda vorwirft. Seinen Erzählungen nach bekämpft man dieselben Bestrebungen, die man hier als bolschewistisch ablehnt, in Russland mit dem Vorwurf der ‚Westlichkeit‘ und ‚Bourgeoisie‘. Malewitsch möchte am liebsten hierbleiben in Deutschland und will versuchen, sich in Berlin eine Existenz zu gründen. Wahrscheinlich wird auch ein Buch von ihm im Bauhaus-Verlag erscheinen.“

          Noch am selben Tag verließ Malewitsch tief enttäuscht Dessau. Statt der erhofften Unterstützung hatte er kalte Ablehnung erfahren. Warum? Konnte der Grund darin liegen, dass einige Bauhäusler mit ihrem naiv idealisierenden Bild der Sowjetunion seine Berichte über die Kulturpolitik der Sowjets bedrohlich fanden? Vieles spricht dafür. Denn das Buch, von dem Else Gropius sprach, ist dann tatsächlich in der von ihrem Mann und László Moholy-Nagy herausgegebenen Buchreihe unter der Nummer 11 im Jahre 1930 erschienen.

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