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Kunst und Verbrechen : Fegefeuer der Heiterkeiten

Sehen das Gleiche: Galeristin Rhodora Haze (Rene Russo) und Kritiker Morf Vandewalt (Jake Gyllenhaal) im Netflix-Thriller „Die Kunst des toten Mannes“ Bild: Claudette Barius/Netflix

Mary Boone, die einst mächtigste Galeristin New Yorks, muss ins Gefängnis. In was für einer Welt lebt die eigentlich? Über die moralische Ökonomie der Kunst.

          Los Angeles hat vorzügliche Museen, gigantische Galerien und herausragende Künstler. Was es bisher nicht hatte, war eine große Kunstmesse. Letzte Woche aber eröffnete die Messe Frieze nach London und New York ihren neuen Ableger ausgerechnet in der pittoresken Phantasiestadt der Paramount Studios in Hollywood, mit dem Ergebnis, dass das meistgepostete Motiv auf Instagram nicht etwa besonders fotogene Kunstwerke waren, sondern Brad Pitt, dessen leibhaftiges Vorhandensein auch in den abgebrühtesten Kunstvertickern eine kindliche Entdeckerfreude triggerte.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass die beweglichen Bilder dort einziehen, wo die bewegten Bilder herkommen, lässt sich einerseits als Zeichen dafür lesen, dass die Bildende Kunst dem Film als kulturelle Leitindustrie, als Quelle des Neuen, des Glamours, der Spektakel und Skandale, ja selbst der Preisrekorde (der 450-Millionen-Dollar-Leonardo war teurer als jede Filmproduktion), den Rang abgelaufen hat (wofür auch spricht, dass die Frieze seit 2016 zu 70 Prozent dem Unterhaltungsinvestor Endeavor gehört, hervorgegangen aus der Agentur William Morris, die einst Charlie Chaplin und Elvis Presley vermarktet hat). Und andererseits als Zeichen dafür, dass der Kunstmarkt, der ja durch ein enormes Ausmaß an fiktionalem und doch real wirksamem Geld am Leben gehalten wird, dabei ist, sich endgültig in einer Blase aus Fiktion einzuschließen, aus der er so schnell nicht wieder herausfinden wird.

          Verurteilt zu zweieinhalb Jahren: Galeristin Mary Boone beim Verlassen des New Yorker Bezirksgerichts.

          Zugleich tagte in New York, wo naturgemäß die meisten der Aussteller zu Hause sind, das Bezirksgericht im Fall Mary Boone – und als am Donnerstag das Urteil gegen die 67-jährige Galeristin gesprochen wurde, gab es in der Filmstadt ein neues Gesprächsthema Nummer eins: Mary Boone, die in den Achtzigern mit Julian Schnabel und Jean-Michel Basquiat reich wurde und den Typus Galeristin-als-Marke erschuf; die 1982 auf einem Cover des „New York Magazine“ zur „New Queen of the Art World“ gekrönt wurde; Mary Boone, die Kritik an ihren suspekten Geschäftspraktiken im Boom vor 1989 einst mit komplizenhaftem Augenzwinkern abschüttelte, die mächtige Mary Boone muss wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis.

          Sollte hier ein Exempel statuiert werden?

          Zweieinhalb Jahre Haft! So was kannte man noch nicht. Nach dem Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, der die Aldi-Brüder übervorteilte, indem er ihnen Dollar-Preise als Euros ausgab, und dem Fälscher Wolfgang Beltracchi, der ja erst durch den Prozess zum Star wurde, ist Mary Boone die bislang prominenteste Figur auf dem Kunstmarkt, die ins Gefängnis muss. Bisher kam man immer mit Geldstrafen davon, wenn überhaupt ein Fall vor Gericht geklärt wurde, was in der Kunstwelt selten ist, wo man die Dinge besser unter sich regelt. Kunstanwälte sind immer höchstens kunstweltberühmt, denn ihre Haupttätigkeit besteht darin, Interessen zwischen Konfliktparteien so auszugleichen, dass beide Seiten möglichst unbescholten davonkommen – so wie Ende 2017, als Mary Boone dem Schauspieler Alec Baldwin mehr als eine Million Dollar Schadenersatz zahlte, weil das von ihm erworbene Gemälde Ross Bleckners, das für ein gleichnamiges Bild des Malers zu halten er offenbar allen Grund gehabt hatte, sich als frisch angefertigtes Ebenstück entpuppte.

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