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Galerien in Frankfurt : Kein Bussi in der Fahrgasse

Allein zu Hause: der Frankfurter Galerist Andreas Greulich am Schreibtisch statt bei einer Vernissage Bild: Galerie Greulich

Die Galeristen in der Frankfurter Stadtmitte hatten sich auf gemeinsame Vernissagen eingestellt. Nun werben sie damit, dass die Kunst von außen zu sehen ist. Wer einzeln oder zu zweit vorbei spaziert, kann sie genießen.

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          Erst haben viele das für eine Schnapsidee gehalten: für den etwas albernen Versuch, auch ein wenig von dem Trend zu profitieren, den Alltag, die Routine, das alltägliche Geschäft im Grunde immer als hippe Party und Event zu inszenieren. Doch es funktioniert. Seit ein paar Jahren schon

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          haben sich eine Reihe von Galerien in der Frankfurter Fahrgasse als „Galerien Frankfurt Mitte“ für gemeinsame Vernissagen zusammengetan, im Abstand von ungefähr zwei Monaten. Ein bisschen wie der Saisonstart nach der Sommerpause. Das Ereignis und die dazu angebotenen Rundgänge hatten sich etabliert, wie ein verkaufsoffener Sonntag für die Kunstgemeinde, der nicht nur einlädt, die neuesten Ausstellungen in den acht bis zehn beteiligten Galerien zu entdecken. Und jetzt ist gleich der zweite Termin des Jahres wegen Corona ins Wasser gefallen.

          Dabei ist in der Welt der Kunst schon immer jede Vernissage ein kleines Fest gewesen, Smalltalk und Begegnung, Staunen, herzliche Umarmung, Wiedersehensfreude und ein Glas Crémant gehören dazu. Und, im Frühling wie im Winter, im Sommer wie im Herbst immer auch eine Feier des schönen, von der Kunst bestrahlten Augenblicks. Auch Event-Skeptiker hätten jetzt viel dafür gegeben, wäre derlei überhaupt noch möglich, bei der „Opening“-Runde und auch sonst.

          Was hätten sie auch sonst tun sollen?

          Dabei sah es zunächst aus, als sollte der Kunstbetrieb dem Virus trotzen. Im Lauf der Woche hatte man Andreas Greulich Matthias Moraveks „Menagerie“ einrichten sehen und Kirsten Leuenroth die eben eingetroffenen Bilder von Kathrin Thiele und die Papierarbeiten Marco Wagner auspacken. Man war gespannt auf die neue Ausstellung bei Maurer oder Lachenmann Hinter der Schönen Aussicht. Doch bald schon sagte eine Galerie nach der anderen ihre Eröffnung ab.

          Was hätten sie auch sonst tun sollen? Geht man fremden Menschen dieser Tage doch lieber aus dem Weg. Was das für den Kunsthandel, was das indes für den Betrachter auch bedeutet, bleiben die Galerien über Wochen oder gar Monate geschlossen, fallen Messen und Ankäufe von Sammlern und Museen aus, will man sich lieber nicht ausmalen. Trauriger jedenfalls als zum ausgefallenen „Opening“ war Frankfurts Galerienmeile nie. Statt einer Vernissage konnten Flaneure bei Greulich nur den Galeristen höchstselbst an seinem Schreibtisch sitzen sehen.

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          Wie leergefegt die Fahrgasse am Abend, derweil die Kunst von innen leuchtet. Alle Türen geschlossen, nirgends fällt man sich, wie sonst zu Beginn einer neuen Ausstellung, zärtlich auf die Wangen küssend, einander um den Hals, und nirgends wartet auf den einsamen Besucher ein Gläschen Wein. Doch immerhin, hier und da brennt wenigstens noch Licht. Und etliche Galerien werben sogar damit, dass man ihre aktuellen Ausstellungen sogar durch die Schaufenster sehen kann. „Fermé“ signalisiert zum Beispiel auch die Galerie Jörg Schuhmacher. Und gibt doch den Blick frei etwa auf ein Bild des 2005 gestorbenen Quadriga-Künstlers Bernard Schultze.

          Bei Maurer ist auch von außen zu sehen, wie sich Mona Broschár mit von surrealem Witz grundierten Bildern vorstellt, wie man sie unlängst in der Kunsthalle Darmstadt hat entdecken können. „Life is more fun if you play Games“ ist der zweite Auftritt der Leipziger Malerin überschrieben. Vermutlich ist da etwas dran. Doch wer, mag man sich mit Blick auf Waffeln, Eisbecher und süße Früchtchen fragen, die in Broschárs Mischtechniken ein poppig-buntes Eigenleben führen, wer bestimmt hier die Regeln?

          Nachholen, irgendwann

          Christel Wagner, könnte man beim Blick durchs Fenster ihrer gleichnamigen Galerie vermuten, vielleicht eher nicht. Hat doch die Kuckucksuhr von Guido Zimmermann gerade etwas überraschend zehn nach zwei geschlagen. Den Arbeiten Heike Jeschonneks freilich, dem weißen Hirsch etwa im „Havelland“, käme man schon gern einmal ein wenig näher. Aber auch Wagner hat ihre Galerie bis auf weiteres geschlossen. Und hofft, die Vernissage noch nachzuholen. Irgendwann.

          „Rage, rage against the dying of the light“ mahnen derweil mit einem Vers von Dylan Thomas ein paar Schritte weiter die Bilder Kathrin Thieles und Marco Wagners Papierarbeiten bei Leuenroth. Was dem Passanten in der dunklen, vom Licht der Galerien beschienenen Fahrgasse angesichts der aktuellen, weitgehend abstrakten Bilder der Meisterschülerin von Neo Rauch beinahe schon ein Menetekel scheinen möchte. Gewaltige, hier wie mit dem Teleskop, dort am Bildschirm, durchs Mikroskop vielleicht geschaute helle Blitze, Feuerwerke, Explosionen vor tiefen, weiten, unendlich schwarzen Räumen. Und rundum dunkle Nacht.

          Selbst im Dom, wohin uns auf dem Weg nach Hause unsere Schritte führen, fühlt man sich seltsam von der Welt verlassen. Kein Mensch zu sehen, nicht in den Bänken, nicht vor den bis zur Osternacht geschlossenen Altären. Ein Konzert war für den Abend angekündigt und ist wie alles kulturelle Leben abgesagt. Still ist es, sehr still. Wir stecken eine Kerze an. Und öffnen, nach diesem so anderen Vernissagenabend zu Hause angekommen, eine bessere Flasche Wein.

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