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Neuausrichtung des MoMA : Jetzt ist alles gleich viel wert

Im neuen MoMA weben Besucher selbst Bild: dpa

Neunzig Jahre alt wird das New Yorker MoMA an diesem Freitag, siebzig Jahre lang bestimmte es den Kanon. Jetzt reißt es ihn ein. Und erklärt sogar die Besucher zu Künstlern.

          7 Min.

          Im Herzen des MoMA sitzt ein Kunstkritiker an einem Webrahmen, befestigt einen Wollfaden in der Öse und führt die Nadel durch die schon vorgespannten Schnüre. Auf und ab, hin und zurück, dann die Reihen mit dem Kamm stramm ziehen. Es ist noch unklar, was es wird, wahrscheinlich genau so ein zerzauster, klumpiger Lappen wie die, die schon an der Wand hängen, zwischen mehr und weniger dilettantischen Zeichnungen. „Viele staunen, wie lange es dauert, nur eine Reihe zu weben“, erzählt Hannah, eine der acht Kunstvermittlerinnen, die hier, im mächtigsten Museum der Welt, jeden Tag von morgens bis abends euphorisch die Gäste begrüßen, ans kindertagesstättenhafte Mobiliar führen, ihnen die zur Verfügung stehenden Stifte, Papiere und anderen Werkzeuge zeigen und sie geduldig beim Herstellen ihres eigenen Kunstwerks begleiten.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es wird gerade aufgeregt diskutiert über die Neuausrichtung des New Yorker Museum of Modern Art, das morgen nach vier Monaten Umbau die Türen öffnet. Haben sich die dreißig Prozent mehr Fläche gelohnt, für die das benachbarte American Folk Art Museum aufgefressen wurde, um in die unteren Geschosse des spektakulären Büroturms von Jean Nouvel vorzudringen? Ist es eine gute Idee, wenn das Museum, das jahrzehntelang maßgeblich den Kanon der westlichen Kunst bestimmte, jetzt plötzlich van Goghs „Sternennacht“ mit Töpfereien von George Ohr kontrastiert, der, während van Gogh in Arles verrückt wurde, sich in Mississippi als „verrückter Töpfer von Biloxi“ vermarktete? Verflachen die Saaltexte, die versuchen, Begriffe wie Abstrakter Expressionismus, Pop Art oder Konzeptkunst zu umschiffen, das Verständnis für die jüngere Kunstgeschichte? Ist es scheinheilig, dass das MoMA, nachdem es bis zum Frühjahr die Moderne als Projekt von ein paar Dutzend weißen Männern erzählte, plötzlich ganz viel Kunst von Indern, Lateinamerikanern und vor allem von Frauen zeigt? Ist jetzt alles beliebig, sind die Kriterien aufgelöst, ist alles gleich viel wert?

          Hervé Télémaque: „No Title (The Ugly American)“, 1962/64

          Die größte Revolution blieb dabei weitgehend unbeachtet. Sie ereignet sich hier, im sogenannten Creativity Lab, das Gäste prominent im ersten Stock empfängt. Diese Revolution rollt das Museum vom Besucher her auf, der die Kunst mit vollen Händen greifen darf, zumindest die eigene. Sie hat sich langsam angebahnt, in kleinen Vorläufern. 98 Prozent der Gäste, die 2017 am Rande einer Design-Ausstellung selbst Hand anlegen durften, hätten diese Erfahrung als bereichernd für ihren Museumsbesuch beschrieben, erzählt Abteilungsleiterin Wendy Woon, die jetzt auf einer Stufe mit den Kuratoren steht. Viele seien immer wieder gekommen. Wer selbst eine Decke gewebt habe, der verstehe Anni Albers’ Teppiche besser, die oben in der Textilkunst-Ausstellung hängen.

          Die neue Freiheit: Der Themenraum „Readymade in Paris und New York“ im MoMA

          Was ist, wenn Gäste die Geduld verlieren, frage ich webend Hannah, die Kunstvermittlerin.
          „Dann zeigen wir ihnen zum Beispiel, wie man so was hier macht.“ Sie zeigt liebevoll ein Knäuel aus zusammengeknoteter Wolle her. „Schauen Sie, hier hat jemand Kaugummifolie eingearbeitet!“
          „Das hier ist der Ort, an dem das Museum sehr persönlich wird“, erklärt Wendy Woon, „und an dem man sich kreativ ausdrücken kann. Außerdem sehen Sie Ihr eigenes Werk an der Wand.“
          Ich lache.
          Sie auch.
          Ist das den Leuten wichtig, ihr eigenes Werk an der Wand zu sehen?
          „Ich denke schon. So feiern wir die Kreativität, die in uns allen steckt. Sicher sind die Werke der Künstler großartige Beispiele, aber die Erfahrungen der Menschen und was sie herstellen, sind genauso wichtig, deshalb sehen wir da keine Hierarchie.“
          Warum hängt dann meine Arbeit nicht in den Galerien?
          „Ihre Arbeit ist in den Galerien, wenn Sie Dinge anschauen und interpretieren.“

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