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Widerspruch : Beuys lebt!

  • -Aktualisiert am

Sein Werk ist für mich heute so lebendig wie eh und je: Warum die Fragen, die er uns mit seiner Kunst stellte, heute noch bewegen.

          Kaum eine Beuys-Retrospektive hat so stark dem Rezeptionsverhalten der Besucher nachgespürt wie jene, die zurzeit in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen ist. Was dieser rheinische Künstler in seltener Vitalität zu Lebzeiten bewegte, kann der Betrachter nun mental, intuitiv und emotional erfahren. Die neue Museumsdirektorin Marion Ackermann und die Kuratorin Isabelle Malz bringen Joseph Beuys ins Gedächtnis. Sobald der Besucher in die Klee-Halle kommt, befindet er sich in einer rätselhaften Insellandschaft von Werken. In der Mitte prunkt ein Torso von 1949 bis 1951, aus bemalter Bronze, befestigt an einem Bildhauergestell in einer Vitrine. Mit diesem Werk thematisiert Beuys kurz nach dem Krieg den Menschen im Fragment. Dessen Ganzes steht nun in Frage und muss erst neu gefunden werden. Der Torso findet im Umfeld gleich ein vielfaches Echo, das erste gleich rechts am Eingang: „Paar“ von 1952/53, zwei Figurinen als Bild aus Gips, ebenfalls in einer Vitrine.

          In diesem ersten Raum schon lebt das Hauptanliegen dieses Künstlers auf: der Mensch, sein Leben, seine Entwicklung, seine Krisen, seine Aufgabe in der Gegenwart, sein Kampf um die Zukunft. Das Thema sondiert sich in vielen sensiblen Zeichnungen und kleinen Plastiken, ohne sich in der Ausstellung in Chronologien zu verlieren. Das hält den Besucher wach. Doch gereizt von der irritierenden Fülle an Arbeiten, suche ich im Raum meinen Stand zu bestimmen: Eine klare Richtung muss man sich im Beuys-Universum selbst geben. Der „Eurasienstab“ erscheint hier als das „new cross“, als Aktionssymbol, das in den Geist des Werkensembles dieser Fluxus-Demonstrationen zurückführt: In einem der Filzwinkel ist dieser Kupferstab hoch aufragend eingelegt. Er assoziiert die Bewegung des Wanderns, das Begleiten und Führen einer Herde, das vom Menschen bewirkte „Aufsteigen“ und „Niedersteigen“ der geistigen Kräfte. Er wird zum Wegweiser für eine neue Weltsicht, in der überkommene, verkrustete Denkmuster überwunden werden, zumal dann, wenn die alten scheinbaren Gewissheiten den Menschen seiner Freiheit und Bewegungsmöglichkeiten beraubt haben.

          Rezeptionsanleitung: Erst lesen, dann denken!

          Der Betrachter muss durch die Vielheit der Dinge hindurch, mäandernd, durch Details und befremdliche Materialien. Die Richtschnur für den Ausstellungsbesuch: Immer erst die aufgezählten Materialien lesen! Stets sind sie geradezu detailversessen vom Künstler aufgereiht. Die ganze Komplexität dieser Kunst öffnet sich in diesen Listen und schwingt auf in die fragende Pendelbewegung zwischen dem eigenen Verstehen und der Künstlersicht. Ungewohnte Materialien weisen stets über sich hinaus. Und die oft poetischen Werktitel führen das eigene Denken weiter.

          Eine Raumflucht zieht die Aufmerksamkeit in einen langen Gang. Mitten und frei im Saal steht auf einem Untersatz die „Badewanne“, 1960, für einen kleinen Menschen. Viele Heftpflaster und einige fettgetränkte Mullbinden kleben daran. Des Heilens Kundige können hier leicht herantreten. Ihr Dienst: im christlichen Sinn „Heilen und Arbeiten“ für andere. Dann fällt der Blick auf die ersten Schlitten von „The Pack (das Rudel)“, 1969. Kaum ein Zeitgenosse, der diese Arbeit nicht schon einmal auf einer Abbildung gesehen hätte: Jetzt steht er da, der alte VW-Bulli, aus dessen Heckklappe vierundzwanzig Schlitten wie eine Hundemeute springen, jeder für sich und doch fest in eine Richtung gebracht, eine großartige Aufstellung. Es sind Sportschlitten mit Bremsvorrichtung und Abbindegurten, beladen mit einer eingerollten Filzmatte, einer großen Stablampe, einem Stück aus Fett und Bienenwachs und jeder versehen mit einem „Braunkreuz“ an der Seite. Das Bild einer letzten Rettung?

          „Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee“

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