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Wider das heutige Bauen : Und wir nennen diesen Schrott auch noch schön

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Gerade hat Deutschland den „Tag der Architektur“ gefeiert. Wieder wurde das Recht unserer Zeit auf eigenen, unverwechselbaren Ausdruck beschworen. Doch was ist all das in Beton gegossene Millimeterpapier unserer bauwütigen Epoche gegen die Schönheit der verschwindenden europäischen Stadt?

          Alles hat seine Zeit, und so kann man auch die Jahre, in denen die schönsten bürgerlichen Wohnungen gebaut wurden, klar bestimmen. Wie jede große Zeit in dem unruhigen, veränderungssüchtigen Europa dauerte sie nicht lang, etwa zwischen 1880 und 1910. Diese Jahre werden Gründerzeit genannt, weil damals die großen deutschen Industrieunternehmen und Banken gegründet wurden, es waren goldene Jahre in der an glücklichen Epochen armen deutschen Geschichte.

          Chesterton nennt das eigentliche Zeitalter der Demokratie das neunzehnte Jahrhundert. Die Gründerzeitwohnungen sind dann auch die Übertragung des Schloss-Ideals in bürgerliche Verhältnisse. Jeder sollte in einem Schloss wohnen können. Nun, nicht jeder, aber doch viele, jedenfalls unvorstellbar viel mehr Menschen als in allen vorangegangenen Jahrhunderten. Was bis dahin nur zu einem Schloss gehörte - die hohen Decken, der reiche Stuck, die Flügeltüren, das knirschende Parkett, die Enfilade, die Suite der Repräsentationsräume und die davon geschiedenen privaten Zimmer -, das wurde nun in großen Wohnvierteln tausendfach für Beamte und Professoren, für Ärzte und Anwälte verwirklicht, die bis dahin, auch wenn sie wohlhabend waren, in den beschränkten Kammern und Stübchen der ehrwürdigen dichtgedrängten Altstadthäuser gelebt hatten, in bestrickend schönen und phantasieanregenden Gemäuern, denen aber die ständische Subalternität deutlich an die schmalbrüstigen Fassaden geschrieben war.

          Und nun dies herrliche Meer von Platz um die Bewohner. Jeder Raum war in seinen Proportionen genau konzipiert: Die Stuck-Panneux an den Wänden rahmten die in ihnen gehängten Bilder ein zweites Mal und waren auch ohne Bilder ein Schmuck und eine Gliederung der Flächen; der Stuck akzentuierte die Deckenmitte und bildete einen Sockel für den Kronleuchter. Mit kassettierten Türen und Lamperien, Holzwerk um die Fenster und kaminförmigen Heizungsverkleidungen waren die Zimmer eingerichtet, ohne dass ein einziges Möbel in ihnen stand.

          Eindrucksvolle Skulpturen

          Aber dies innenarchitektonische Konzept bewährte sich aufs beste in den auf die Gründerzeit folgenden ästhetischen Moden. Geschaffen waren diese Wohnungen für den teuren Theaterprunk der Makart-Dekorationen, aber in den folgenden schlankeren Zeiten bewährten sie sich womöglich erst richtig. Ein Grundgesetz des Bauens offenbarte sich in ihnen: dass sich der architektonische Wert eines Gebäudes erst erweist, wenn es in vollkommen gewandelten ästhetischen und politischen Verhältnissen nicht nur standhält, sondern ihnen sogar noch entgegenkommt.

          In unserer Gegenwart will ja eigentlich niemand eine andere als eine Gründerzeitwohnung haben; selbst ehrgeizige Architekten, die ihrer Klientel millionenteure Villen hinsetzen, ziehen für sich selbst eine Gründerzeitwohnung vor. Die Matratzenlager studentischer Wohngemeinschaften, die Chintzsofas und Ahnenporträts der Aristokraten, die dreißig Meter langen Bücherwände asketischer Intellektueller und die schwarzen Ledersofas von Cy-Twombly-Sammlern fügen sich bestens in Gründerzeitwohnungen ein.

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