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Kultur in China : Westliche Opern für das Volk

  • -Aktualisiert am

Mit höchstem Segen der Partei wird in Peking ein neues Opernhaus gebaut. Auch Wagner und Verdi dürfen dort dem Sozialismus dienen - und der chinesische Musikernachwuchs soll zur Weltklasse reifen.

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          Er fühle sich schon fast wie Wagner, bekennt lachend der chinesische Dirigent Yu Feng, wenn er auf den von ihm in Auftrag gegebenen Neubau von Pekings Nationaler Oper blickt, der mitten im Zentrum der chinesischen Hauptstadt neben einem bescheidenen Verwaltungstrakt emporwächst. Denn der glückliche Yu Feng kann das Opernhaus nach seinen eigenen Ideen gestalten, es wird eine gute Akustik haben, allen Ansprüchen von Musikern und Sängern genügen und 1200 Zuschauern Platz bieten.

          Dass der Bau einer neuen Oper in Peking städtische und staatliche Unterstützung findet, ist nicht selbstverständlich. Denn Chinas Hauptstadt bekam erst vor einigen Jahren ein prachtvolles neues Opernhaus. Zu den Olympischen Spielen von 2008 ließ die chinesische Regierung ein neues Nationaltheater errichten. Das im Volksmund „Ei“ genannte, runde Bauwerk des französischen Architekten Paul Andreu enthält eine Opernbühne für mehr als zweitausend Zuschauer, ein Theater und einen Konzertsaal. Doch es scheint, dass Chinas Hauptstadt derzeit nicht genug bekommen kann von klassischer westlicher Oper. Das Nationaltheater und die Nationale Oper wetteifern mit ehrgeizigen Eigenproduktionen. Das Nationaltheater brachte soeben eine von Zubin Mehta geleitete „Aida“ heraus. Die Nationale Oper punktete im vergangenen Jahr mit „Fidelio“ und „Siegfried“. Und der Zuschauerandrang wächst. Bei Opernvorstellungen werden durchschnittlich 82 Prozent der Karten verkauft. Yu Feng spricht von einer Blütezeit der Oper in der Volksrepublik. Jedes Jahr leistet sich Peking zehn neue Opern-Premieren.

          Freilich geht nichts ohne die Kommunistische Partei. Dem Aufschwung der Oper half Unterstützung von ganz oben. Der frühere Parteichef Jiang Zemin, der das „Ei“ in Auftrag gab, war ein Liebhaber klassischer westlicher Musik und Literatur. Zudem hilft es der Oper, dass sie schon in den revolutionären Anfängen zu den von der Kommunistischen Partei sanktionierten Kunstformen gehörte. Die Revolutionsoper „Die Frau mit den weißen Haaren“, eine Mischform aus chinesischem und westlichem Musiktheater, begründete schon in den Vierzigern im kommunistischen China eine eigene Operntradition.

          Die Kunst solle dem Volke dienen

          Nach der Gründung der Volksrepublik China gab die 1952 gegründete Nationale Oper vorzugsweise „La Traviata“ und „Carmen“ - in chinesischer Sprache. Die Kulturrevolution ließ die Tradition abreißen, westliche Kunst wurde verboten. Doch seit China in der letzten Dekade zu Reichtum und internationalem Einfluss kam, wird auch die klassische Oper wieder gefördert. Einen symbolischen Höhepunkt bildete der bereits 2007 eröffnete gewaltige Bau des Nationaltheaters. Dessen Erfolg hielt sich freilich zunächst in Grenzen. Musiker und Sänger klagen über die schlechte Akustik. Publikumsandrang war nur zu verzeichnen, wenn berühmte Orchester oder Sänger aus dem Ausland gastierten. Dafür kosteten die Karten auch horrend viel. Für gute Plätze musste oft mehr als 120 Euro bezahlt werden, was fast einem Viertel des monatlichen Durchschnittseinkommens entspricht. Um die Auslastung zu steigern, wurden Karten verschenkt oder günstig an Behörden und Unternehmen abgegeben.

          Yu Feng, der rührige Leiter der Nationalen Oper, die einen Teil ihrer Produktionen im Nationaltheater, andere aber auch an anderen Pekinger Theatern herausbringt, verschrieb sich dann vor zwei Jahren einer neuen Popularisierungsstrategie. Er fand, im Interesse der Verbreitung der Oper müssten die Karten billiger werden. Seit es nur noch drei Preisklassen gibt bis maximal 33 Euro, steigt der Andrang. Auch im neuen Opernhaus sollen die Karten erschwinglich sein. Das erfordert staatliche Unterstützung, doch auf die kann die Oper derzeit zählen.

          Zum Glück für sie hat auch der neue Parteichef Xi Jinping, der sich ideologisch gern von allem „Westlichen“ abgrenzt, Respekt vor der klassischen westlichen Musik. Was vielleicht auch daher rührt, dass Xi Jinpings Ehefrau in jungen Jahren eine berühmte Sängerin der Volksbefreiungsarmee war. In seiner programmatischen Rede über Kunst und Kultur im vorigen Herbst sprach Xi Jinping wie einst Mao Tse-tung davon, die Kunst solle dem Volke dienen. Doch er erwähnte auch Beethoven und Wagner. Mit solch höchstem Segen darf Chinas Opernwelt optimistisch der Zukunft entgegensehen.

          Erster rein chinesischer „Ring“

          Yu Feng will für das Volk nun Wagner produzieren. Sei Ziel ist ein erster rein chinesischer „Ring“. Unterdessen vollzieht man in den Opernnachrichten den Kotau vor der politischen Linie, gibt Weisung, die Rede des Generalsekretärs zu studieren. Darin heißt es, die Nationale Oper gehöre der Partei und dem Staat. Außerdem liest man: „Wir arbeiten an der kulturellen Front der Partei, unsere Kunst muss dem Volk und dem Sozialismus dienen.“ Und: „Wir wollen gute kulturschaffende Mitarbeiter der Partei sein.“

          In China wachsen junge Musiker und Sänger nach wie Pilze nach dem Regen. In den Konservatorien wird Deutsch, Italienisch, Russisch unterrichtet, damit in Originalsprache gesungen werden kann. Auch in Provinzmetropolen, die auf sich halten, entstanden in den letzten Jahren große neue Theatergebäude. Die Zentren der westlichen Oper bleiben neben der Hauptstadt Peking Tianjin, Schanghai, Guangzhou und Shenyang. Die Inszenierungen sind freilich konservativ, moderne Aufführungen würde hier niemand verstehen, versichern Opernfreunde.

          Die Theater bemühen sich um ein junges Publikum. Nationale Oper und das Nationaltheater geben Gastspiele an Universitäten. Ihre Sänger und Musiker halten Vorlesungen in Schulen und Hochschulen, um die Jugend zur Oper hinzuführen. Beispielsweise die Sopranistin Li Jingjing, die sich von der großen Neugier und Anteilnahme der Studenten begeistert zeigt. Die Nationale Oper, die sich der revolutionären Tradition besonders verpflichtet fühlt, gastiert auch in ländlichen Gebieten und hat schon vor Bauern an Schauplätzen revolutionärer Ereignisse Opernarien aufgeführt.

          „Die Jugend mag lieber Ausländisches“

          Seit im Nationaltheater die Eintrittspreise gesenkt wurden, kommen auch viele Studenten, die mit ihrem Ausweis gute Karten für ein symbolisches Entgelt erwerben können. Die vielen Opern-Neulinge fallen Kennern freilich manchmal auch zur Last, denn viele unterhalten sich während der Vorstellung, rascheln mit Papier oder spielen auf dem Handy.

          Konform der Parteiführung steht in den Opernhäusern viel Chinesisches auf den Programmen. Das eigene Kulturerbe soll ja gepflegt werden. Doch die westlichen Werke laufen der Peking-Oper oder der Kunju-Oper den Rang ab. „Die Jugend mag lieber Ausländisches“, klagt die Kunju-Sängerin Gu Weiying. Die alte Kunstform werde nicht mehr verstanden und vom Staat zu wenig gefördert.

          Die Förderung der westlichen Klassik zielt nicht zuletzt darauf ab, international mitspielen zu können. Yu Feng, der chinesische Wagnerianer, entwickelt seine Oper gemäß einem Drei-Phasen-Plan. Auf die erste Phase mit ausländischen Gastspielen folgte eine zweite mit Koproduktionen, und in der dritten will er eigene Produktionen im Ausland präsentieren. Sein Ehrgeiz und die Liebe zu Wagner kennen keine Grenzen. Im kommenden Herbst will er zum ersten Mal in China die „Götterdämmerung“ auf die Bühne bringen. Derzeit leistet sich die Nationale Oper im Pekinger „Ei“ gerade ihr erstes Festival, das am vergangenen Donnerstag begonnen hat.

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