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Wes Anderson in Wien : Ein Sarg für die Mumie einer Spitzmaus

Ein Sarg und zwei Bestatter: Wes Anderson und seine Lebensgefährtin Juman Malouf in ihrer Ausstellung „Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures“ im Kunsthistorischen Museum Wien Bild: dpa

Diese Ausstellung weiß nicht nur nicht, was sie sieht, sondern nicht mal mehr, was sie zeigt: Wes Anderson und Juman Malouf lassen im Wiener Kunsthistorischen Museum zu, dass ihre Exponate im Schummerlicht langsam semantisch verbluten.

          Wer den ersten Raum der Ausstellung betritt, hat bereits den Witz verstanden, soweit es einen gibt: Die Gemälde da dürfen als Gemälde nichts, nämlich kaum mehr, als Fotos einer biologischen Kuriosität dürften, auf denen man ein haariges Gesicht über altmodischer Tracht sähe und ein paar weitere Gestalten aus dem Verwandtenkreis des Phänomens. Das Bild, das im Zentrum des ersten von acht Räumen steht, ist ein paar hundert Jahre alt und wurde in Deutschland gemalt, mehr als diese Auskunft wird man nicht mitnehmen, das Gedächtnis zerfällt schon beim Schauen. Es folgt viel Zeug, auf das man mit dem Finger zeigen kann, sprachlos: ein Sarg für die Mumie einer Spitzmaus aus dem alten Ägypten, eine Schraubmedaille zum Gedenken an protestantische Emigranten im europäischen Religionskonfliktrahmen des achtzehnten Jahrhunderts, eine afrikanische Handmaske, die verschlossen aussieht und jedenfalls nicht belästigt werden zu wollen scheint. Ihre Ruhe und Würde beschämen den Zeigezusammenhang dieser Ausstellung, denn eigentlich gibt es keinen – oder was soll die genannten Exponate etwa mit einem Herakleskopf verbinden, der Henkel hat und ein Bronze-Hohlguss ist, außer man sieht darin ein Gleichnis auf die Schau: Bedeutsames, innen leer?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Kultur und Naturgeschichte werden so ineinandergesteckt wie Knorpel-Lego, indifferenter Biomüll: Die wunderschöne Glasqualle da vorn ist aus Dresden und relativ jung, der drollige hölzerne Stachelfisch dort drüben aus Bali und relativ alt. Deutlicher kann man das Wort „egal“ nicht in Dingen ausbuchstabieren. Was immer man von Rückgabedebatten hält: Den meisten der nicht aus unseren Breiten stammenden Stücke hier würde man in ihrem Eigengeheimnis wohl gerechter, wenn man sie ins Meer schmisse, als zuzulassen, dass sie in diesem Schummerlicht langsam semantisch verbluten, in dieser todtraurig neckischen Galerie aus Raunen und Kichern, dieser schlecht gewordenen Wunderkammer. Schuld sind der weltberühmte Filmemacher Wes Anderson und seine Partnerin, die Autorin und Dekorationsdenkerin Juman Malouf, die sich mit den Beständen des Kunsthistorischen Museums, des Weltmuseums Wien, des dortigen Theatermuseums und des Naturgeschichtsmuseums kuratorisch „auseinandergesetzt“ (Katalogblödsinn) haben, wie sich ein besoffener Bär mit einem Regal offener Honigtöpfchen auseinandersetzt.

          Was sie über ihr Projekt selbst sagen, schriftlich und per Audioguide, ist getragen von Absichten wie derjenigen, „auf die molekularen Ähnlichkeiten zwischen sechseckigen Kristallen und Shantung-Seide hinzuweisen“ (Anderson). Fauler Zauber also. Vierhundert Exponate mussten her, jetzt stehen, liegen und hängen sie mehr oder weniger hübsch juxtaponiert im Kunsthistorischen Museum Wien, ergänzt durch Kritzel-Kratzel-Arbeiten von Malouf, die aussehen, als habe ihr beim Nachmachen die Begriffslosigkeit das Handgelenk gelähmt. Kinder und Angestellte im Büro fotokopieren ja wenigstens eigene Körperteile, aber die Reste der Vorzeit mit dem Griffel abzutasten, bis als Museumsedition eine „Polymerheliogravüre“ entsteht, das ist, inklusive Pünktchen überm „ü“, wohl der Gipfel einer neuen Kulturepoche, die man dereinst „Snöbismüs“ nennen wird.

          Eine todtraurig neckische Galerie aus Raunen und Kichern: Blick in die Ausstellung Bilderstrecke

          Der üble Eindruck des Wiener Sammelsuriums schlägt auf die Meinung zurück, die man von Anderson als Filmkünstler hat: War nicht schon „Rushmore“ (1998) der Versuch, zwischen Ernst und Jux das Mittelmaß neu zu erfinden, für das Durchschnittsgemüt, dem ein David-Lynch-Kracher zu schwere Kost und ein Teenagerfilm von John Hughes zu seichte Unterhaltung ist? Und sollen sich bei Andersons Puppenfilm „Isle of Dogs“ (2018) nicht diejenigen besonders wohl fühlen, die Henry Selicks „Coraline“ (2009) für Kinderkram halten, aber beim erwachsenen Wahnsinn der Gebrüder Quay weglaufen, weil ihnen der zu „schräg“ ist? Anführungszeichen, genau, das ist es, was in der Wes-Anderson-Welt den Gedanken ersetzt, falls die Leerstelle mal anfängt weh zu tun. Diese Anführungszeichen aber, ausgeschrieben oder impliziert, entkunsten jede Kunst, drücken sie nieder auf die Augenhöhe eines müden Bewusstseins, das nur noch den Reiz „In meinem Gesichtsfeld ist was Skurriles los“ sucht, um ihn prompt wieder wegzufühlen, weil es sonst etwas begreifen müsste. Geht man nach dem Besuch von „Spitzmausmumie im Sarg und andere Schätze“ (man kann den Verantwortlichen kaum vorwerfen, dass sie bei der Titelwahl nicht mit offenen Karten gespielt hätten) in den Stephansdom, mag man sich erleichtert wundern, dass der kultische Zweck der dortigen Schaustücke selbst im Touristengedrängel erhalten bleibt, nicht als sakraler Schauer, aber als Information. Die Kirche hat eben nie vergessen, dass das Hirn zum Auge gehört wie das Auge zum Hirn.

          Vom Staunen meinte Platon, es sei der Anfang der Erkenntnis. Das waren noch Zeiten, als man so denken konnte; inzwischen haben Kunst und Wissenschaften der Beschreibung von allem, worüber man staunen kann, den Zuständigkeitsbereich durch die Entdeckung immer abstrakterer Gegenstände der Betrachtung so mitleidlos geschmälert, dass die meisten Laien bei Begegnungen mit dem fortgeschrittensten Guckmaterial der Gegenwart gar nicht mehr recht sagen können, was sie sehen. Die Kritik und die Universität haben diese Menschen längst im Stich gelassen, Fach- und Sachtexte aus diesem Bezirk sind rhapsodisch geworden, „persönliche Begegnungs- und Befindlichkeitsprotokolle als psychologische Selbstdiagnosen ersetzen die Analyse“ (Anja Schürmann). Andersons und Maloufs hirnlose Spitzmausschau aber ist die nächste Stufe des Abschieds vom „begrifflichen Sehen“ (Schürmann): Diese Ausstellung weiß nicht nur nicht, was sie sieht, sondern nicht mal mehr, was sie zeigt. Der Grabstein der Idee „Museum“ wird sehr klein sein. Es muss nur draufstehen: ausgestaunt, Abendland.

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