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Slavs and Tatars : Belarussisch ist was für die Hipster

  • -Aktualisiert am

Weißrusslands Kulturszene zwischen Ost und West: Die Berliner Künstlergruppe „Slavs and Tatars“ zeigt einige ihre Werke in der Galeria Y in Minsk. Initiiert hat die Schau das Goethe-Institut.

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          In der Minsker Galeria Y sind derzeit Werke der Berliner Künstlergruppe „Slavs and Tatars“ zu sehen, die schon in Berlin und New York gezeigt wurden. Die Galerie für zeitgenössische Kunst findet man an der Oktoberstraße, die von Clubs, Barber-Shops und Büroetagen gesäumt wird, in denen Programmierer das globale Online-Spiel „World of Tanks“ gestalten. Graffiti schmücken die ehemaligen Fabrikgebäude.

          Die Graphik „Im Namen Gottes für Unsere und Eure Freiheit“ hat in der belarussischen Hauptstadt heute eine besondere Bedeutung. Sie bildet die Fahne Aufständischer ab, die 1831 auf dem Gebiet der heutigen Republik Belarus gegen die russische Teilungsmacht kämpften. Es fasziniert die Künstler von „Slavs and Tatars“, dass das polnische Original in den Beständen des Warschauer Militärmuseums auf der Rückseite dieselbe Inschrift auf Russisch zeigt – im frühen neunzehnten Jahrhundert ein Signal an die Truppen des Zaren. Die jetzt in Minsk ausgestellte Arbeit greift die russische Version auf, um daran zu erinnern, dass mit diesem Slogan sowjetische Dissidenten im August 1968 auf dem Moskauer Roten Platz gegen den Einmarsch der Roten Armee in die Tschechoslowakei protestierten. Viele junge Besucher der Galeria Ý verstehen es als Hinweis auf den drohenden Anschluss an die Russische Föderation.

          Doch „Slavs and Tatars“ verschieben den Kontext der Arbeit durch eine hinzugefügte Übersetzung ins Persische. Was als persönliche Auseinandersetzung der in Polen und Iran aufgewachsenen Gruppenmitglieder verstanden werden kann, wirft zugleich die Frage nach der Bedeutung von Gott und der Freiheit des anderen auf.

          Mit dem Titel der vom Goethe-Institut initiierten Ausstellung „Movaland“ (zu Deutsch: „Sprachland“) spielen die Kuratorinnen Lena Prents und Anna Karpenko auf die Uneindeutigkeit sprachlicher Kontexte in Weißrussland an. Denn nach der russischen Annexion der Krim entdeckte auch der weißrussische Präsident Aleksandr Lukaschenka das Belarussische – belaruskaja mova – als symbolische Ressource staatlicher Eigenständigkeit, obwohl sie im städtischen Alltag von wenigen gesprochen wurde und vor allem als Ausdrucksmittel der Opposition galt. Doch seither wurde die russische Aufschrift des Bahnhofs durch eine belarussische ersetzt. In Cafés gibt es, unterstützt durch skandinavische Stiftungen, Kurse in der zweiten Staatssprache. Der Taxifahrer Andrej erklärt, warum er trotzdem nicht zu Belarussisch wechseln wird. Während der Fahrt durch die Oktoberstraße schaut er im Internet Videos von Anglern an, die auf Russisch ihre größten Hecht-Fänge dokumentieren. „Ich bin seit fünfzehn Jahren hier. Die Kindheit verbrachte ich im Dorf Aresa. Dort haben wir gesprochen, wie uns der Schnabel wuchs, in der Sprache der einfachen Leute, aber nicht dem Belarussisch der Minsker Hipster“, erzählt Andrej in einer Mischung aus beiden slawischen Sprachen und schwelgt in Erinnerungen: „Die Hechte haben wir als Kinder mit bloßen Händen gefangen.“

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          Seit es Präsident Lukaschenka gelang, Minsk als Ort der Verhandlungen über die Beilegung des bewaffneten Konflikts im Osten der Ukraine zu etablieren, gilt er wieder als Regionalmatador des Verhandelns zwischen Ost und West. Einerseits verbleibt die Republik Belarus in der Eurasischen Wirtschaftsunion und behält ihre engen wirtschaftlich-kulturellen Bindungen an Russland. Andererseits bemüht sich das gut neun Millionen Einwohner zählende Land um eine Öffnung gegenüber der Europäischen Union. Zugleich ist China ein großer strategischer Investor in Minsk mit einer weithin sichtbaren Sonderwirtschaftszone namens „Großer Stein“. Der Logistikpartner vor Ort ist der Duisburger Konzern Duisport, der auf Großlösungen in China spezialisiert ist.

          Am Minsker Flughafen erkennen Besucher das geopolitische Oszillieren sofort. Die Fluganzeigetafel wechselt alle dreißig Sekunden vom lateinischen Alphabet zum kyrillischen und dann zu Mandarin. Zwei ukrainische Arbeiter kehren über Minsk von einem Auftrag in Russland zurück. Direkte Flüge zwischen beiden Ländern gibt es nicht. Seit man auch aus der EU ohne Visum mit dem Flugzeug nach Minsk einreisen kann, sind die Maschinen der staatlichen Gesellschaft Belavia besser gebucht. Die Vertreter einer Oldenburger Rinderzuchtgenossenschaft reisen zufrieden mit einem Auftrag über die Lieferung norddeutscher Bullensamen ab, mit denen die Milchproduktion in der belarussischen Provinz gesteigert werden soll. Der Ertrag wird vor allem nach Russland und China exportiert.

          In der Galeria Y hocken Geschichtslehrer aus ganz Belarus auf einem Teppich, der wie ein Bücherständer zum Lesen des Korans geknickt ist. Bei der Diskussion über die Kunstwerke fragt die Kuratorin auf Russisch, welche Assoziationen sie bei den Teilnehmern der Lehrerfortbildung hervorrufen. Die Gruppenleiterin schaltet sich auf Belarussisch ins Gespräch ein. Das Spiel der Künstlergruppe „Slavs and Tatars“ geht auf: Hoch- und Massenkultur verschränken sich, alternative Wege der Wissensaneignung öffnen sich.

          Im hinteren Teil der Schau sitzen unter einer viersprachigen Klanginstallation der Berliner Künstler zwei Dutzend junger Architekten, Stadtplaner, Soziologen und Designer, die im Rahmen des Projekts „Komsomolskaja“ Vorschläge erarbeiten, wie eine soeben sanierte Straße der Hauptstadt benutzerfreundlicher gestaltet werden kann. Die Organisation GoodCity wird von einer Bürgerinitiative für Fahrradmobilität und den Redakteuren der Zeitschrift „Städtische Taktiken“ unterstützt. Ihre Vorschläge zeigen, dass eine Öffentlichkeit in Minsk entsteht, dass sich im Land etwas verändert. Schon hat die staatliche Marketinggesellschaft die Graffitifiguren aus der Oktoberstraße in einem Imagefilm am Flughafen zum Leben erweckt.

          Slavs and Tatars. In der Galeria Y, Minsk, bis zum 21. April.

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