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Wer ist der beliebteste Künstler? Caravaggio! : Der Reiz des Bösen

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Warum hat der italienische Maler Caravaggio seinen berühmten Landsmann Michelangelo in der Gunst von Publikum und Kunstgeschichte überholt? Liegt es an der Vorliebe unserer Zeit für das Abgründige?

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          Den Umbruch, der sich gerade in der Kunstgeschichtsschreibung abzeichnet, kann man in einem Gedankenexperiment nachvollziehen: Man stelle sich vor, die Großeltern wären in ihrer Jugend befragt worden, wer Caravaggio gewesen sei. Die Antwort hätten viele noch nicht gewusst. Für die Großeltern wäre es undenkbar gewesen, Michelangelo nicht zu kennen. Heute ist es unmöglich, Caravaggio nicht zu kennen - den Maler, Mörder und Frühmodernen.

          Woran das liegen könnte, hat sich der Kunsthistoriker Philip Sohm an der University of Toronto gefragt, der, pünktlich zum vierhundertsten Todestag von Caravaggio, die einschlägige Literatur durchfräste und Statistiken erstellte. Als Maß für den steigenden Popularitätswert nahm Sohm in seiner bisher noch unveröffentlichten Studie Michelangelo, der sieben Jahre vor Caravaggios Geburt starb und bisher als Inbegriff des Künstlers galt. Sohms Befund: Caravaggio hat Michelangelo überholt. Von Mitte der achtziger Jahre an erscheinen deutlich mehr Bücher, Aufsätze und Artikel zu Caravaggio als zu Michelangelo. Das betrifft nicht nur die Fachliteratur, sondern auch fiktionale Werke. Caravaggio ist der Stoff, aus dem Romane und Filme sind, und die Erfolgskurve steigt. „Caravaggio: The Creative Psychopath“ titelte 1989 die Kunstzeitschrift „Art News“, Derek Jarman widmete 1986 dem Barockmaler einen Film, und die Mischung aus Sex, Crime und Hochkultur befeuert auch die Archäologen der Universitäten von Bologna und Ravenna, die sich auf die Suche begeben haben, um die Leiche des 1610 bei Porto Ercole Verstorbenen ausfindig zu machen. Bisher ohne Erfolg - aber mit reichlich Schlagzeilen.

          Che Guevara der Akademie

          Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Es müsse zum einen, so Sohm, bei den Kunsthistorikern gesucht werden. Von Künstlern sagt man, jeder Maler würde sich selbst malen - eine vergleichbare Gesetzmäßigkeit sieht Sohm in der Kunstgeschichte: Jeder Forscher schreibt über sich selbst. Caravaggio, der starb, ohne Skizzenbücher, Tagebucheinträge oder auch nur Zeichnungen zu hinterlassen, sei zur perfekten Projektionsfläche aufgestiegen. Seit Roger Fry den Maler 1905 den „ersten Modernen“ nannte, dessen Werk aus der Revolution der Tradition hervorgegangen sei, wurde Caravaggio zu dem rebellischen Außenseiter stilisiert, der man selbst sein wollte. Er wurde zu einer Art Che Guevara der Akademiker, einem Logo für den anarchischen Tausendsassa.

          Geschmacklich scheint hier das Gros der Kunsthistoriker sich mit dem Mainstream zu treffen. Das populäre Bild von Caravaggio ist ebenfalls von der Faszination für den gewalttätigen Regelbrecher geprägt. Dass hier ein Missverständnis vorliegt, ließ sich kürzlich in der hervorragenden Monographie von Sybille Ebert-Schifferer nachlesen. Es war Caravaggios Zeitgenosse und Konkurrent Giovanni Baglione, der das Bild eines ruchlosen Kriminellen prägte, allerdings noch in denunziatorischer Absicht. Unfreiwillig stellte Baglione die Weichen für den Erfolg: Denn während früher noch galt, dass ein tugendhafter Lebenslauf für die Produktion guter Kunstwerke Voraussetzung sei, hielt man seit dem neunzehnten Jahrhundert das Gegenteil für richtig. Je abgründiger ein Künstler, desto lebensnäher angeblich sein Werk, je gewalttätiger der Produzent, desto authentischer angeblich das Produkt. Welches Nachleben hätte wohl ein freundlicher Caravaggio mit sonnigem Gemüt gehabt? Die von Sohm diagnostizierte „Caravaggiomania“ lässt Böses ahnen.

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