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Weltkriegsdenkmal : Später Sieg für Albert Speer

  • -Aktualisiert am

Die Historie verschlingt das Pathos der edlen Ziele: Das neue Weltkriegsdenkmal in Washington gibt dem amerikanischen Bewußtsein einen erschreckend schlichten und rückwärtsgewandten Ausdruck.

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          Welchen ästhetischen Kriterien müßte ein nationales Denkmal genügen? Kann eine Erinnerungsstätte an einen Krieg, eine nationale Katastrophe oder auch an einen mit Blut bezahlten Sieg mit denselben Maßstäben der modernen Ästhetik gemessen werden wie die zeitgenössische Kunst und Architektur? Fragen, die sich in der Debatte um die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin ebenso gestellt haben wie um das Vietnam Memorial in Washington vor zweiundzwanzig Jahren.

          An diesem Wochenende wird auf der "Mall", dem Herzstück von Washington, die von nationalen Denkmälern ebenso architektonisch beherrscht wird wie von Museumsbauten, dem Kongreßgebäude und dem Weißen Haus, das "World War II Memorial" eingeweiht. Die Feuilletons der großen amerikanischen Zeitungen beschäftigen sich indessen kaum mit der Architektur des gigantischen Komplexes, ebensowenig unterziehen sie die Ausstattung mit Bronzeskulpturen des Bildhauers Ray Kaskey einer eingehenden Kritik.

          „Ästhetisches Desaster“

          Als das Projekt des aus Österreich stammenden Architekten Friedrich St. Florian, der sich in einem Wettbewerb gegen vierhundert Entwürfe durchgesetzt hatte, im Jahr 2001 vorgestellt wurde, nannte der Kunstkritiker der "New York Times" es ein "ästhetisches Desaster". Einer jener Veteranen des Zweiten Weltkrieges, deren Zahl jeden Tag um mehr als tausend durch Tod dezimiert wird, rief den Senat dazu auf, er möge nicht zulassen, daß der Eindruck entstehe, am Ende habe Hitler den Krieg gewonnen, und Albert Speers Ästhetik triumphiere. Er blieb ein einsamer Rufer.

          St. Florians Konzept ist simpel, sowohl was die Denkmals-Symbolik angeht als auch die Architektur. Auf dem Grundriß einer Ellipse wird das Memorial durch ein gigantisches Bassin beherrscht, in dessen Brennpunkten zwei Fontänen aufsteigen. An den beiden Schmalseiten der Ellipse stehen zwei hochaufragende Pavillons, die mit den Inschriften "Pacific" und "Atlantic" die europäischen und die asiatischen Kriegsschauplätze symbolisieren sollen. In den Boden der Pavillons ist jeweils die Vergrößerung der Plakette eingelassen, die jeder Teilnehmer am Weltkrieg als Orden erhielt.

          Bänder im Schnabel

          Auf vier bronzenen Säulen sitzen vier Adler, die in ihren Schnäbeln die Bänder eines riesigen Kranzes halten. In einem Halbkreis schließen sich an die beiden Pavillons jeweils sechsundfünfzig durchbrochene Säulen an, die, ebenfalls mit zwei Bronzekränzen auf der Vorder- und Rückseite geschmückt, die Namen der Staaten und Territorien der Vereinigten Staaten zur Zeit des Krieges tragen. Der Bronzeschmuck findet schließlich seinen ästhetischen Höhepunkt in vierundzwanzig Reliefs mit Szenen aus dem Krieg und von der Heimatfront.

          An der dem Washington Monument zugewandten Breitseite der Ellipse führt eine Freitreppe zu dem tiefer gelegenen Bassin, an der gegenüberliegenden Seite geht der Blick zum Lincoln Monument, wird aber unterbrochen von einer leicht gebogenen schwarzen Granitwand mit viertausend Goldsternen - für je einhundert Gefallene ein Stern. Grauer und grüner Granit und Basalt sind die vorherrschenden Baumaterialien, deren kalte Anmutung durch die Wasserspiele gemildert werden soll. Die Bronzeskulpturen, vor allem die vorherrschende symbolische Form des Kranzes, sind von einem geradezu erdrückenden Pathos, das sich in einer Reihe von Inschriften fortsetzt.

          Parallele zur Kriegsrhetorik Bushs

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