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Kunst zwischen den Weltkriegen : Der Schick der Weimarer Republik

Bild: obs

Film, Fernsehen und Museen entdecken die Kunst der zwanziger und frühen dreißiger Jahre wieder. Der schaudernde Blick zurück auf den Vorabend des Faschismus und der NS-Herrschaft stellt Fragen an die Gegenwart.

          Als die deutsche Prestige-Serie der Stunde, "Babylon Berlin", am Ort ihrer Handlung Premiere feierte - genauer gesagt im Theater am Schiffbauerdamm, wo in den Goldenen Zwanzigern Bert Brecht mit seiner „Dreigroschenoper“ triumphierte -, verhedderte sich Berlins Regierender Bürgermeister auf erhellende Weise in den eigenen Worten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Michael Müller (SPD) schwärmte angesichts der Fernsehfiktion über Glamour und Grauen der späten Weimarer Republik, heute sei Berlin fast wieder da, wo es damals gewesen sei. Womit er wohl auszudrücken versuchte, die Stadt sei ein brodelndes Kulturlabor wie in der Zwischenkriegszeit, als in ihr Avantgardisten Kunstgeschichte schrieben, Ufa-Filme international Staunen erregten und Romane wie Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ die deutsche Literatur revolutionierten. Dass die Stadt so verelendet und von Radikalisierung bedroht sei wie vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wollte er vermutlich nicht nahelegen.

          Und doch schwang in seiner Rede mit, was hinter dem neu entflammten Interesse für die Kunst, Kultur und Gesellschaft der zwanziger Jahre steht. Ein Hauch Weimar scheint in der Luft zu liegen, seit die Risse in der Nachkriegsordnung die bundesrepublikanische Konsensdemokratie erreicht haben. Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Trump, Brexit, Erschütterungen durch neue Technologien und eine globalisierte Wirtschaft, Angst vor sozialer Spaltung und Extremismus, Aufstieg von Populisten, Erosion der Volksparteien - nichts scheint mehr sicher.

          Nachspiel auf dem Theater: Lars Edinger als Bert Brecht in „Makie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“.

          Tatsächlich ist Deutschland weit entfernt von dem Land, das vor hundert Jahren geschlagen und traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg kam, in einer Demokratie nahezu ohne Demokraten landete und von der Weltwirtschaftskrise zerrieben wurde. Und Europa ist nicht wieder ein Kontinent säbelrasselnder Nationalisten. Doch die vielerorts heraufdämmernde Erkenntnis, dass Errungenes leicht verlorengehen kann, alles sich unentwegt ändert und Stabilität endlich ist, verwandelt die Beschäftigung mit den auf den Abgrund zurasenden Zwanzigern und Dreißigern in einen fragenden, aber auch lustvoll schaudernden Blick in einen fernen Spiegel.

          Lasterhaftes Berlin

          „Babylon Berlin“ schleudert seine Zuschauer mitten in den Tanz auf dem Vulkan, der den fiktiven Nachtclub „Moka Efti“ beben lässt wie einen Vorläufer des heutigen „Berghain“. Geschlechterrollen werden dort schon ein knappes Jahrhundert vor heutigen Transgenderdebatten in Frage gestellt, Radikale träumen vom Umsturz, die internationale Halb- und Unterwelt geht ihren Geschäften nach. „Berlin, Hauptstadt des Verbrechens“ heißt ein eben erschienenes Sachbuch von Nathalie Boegel, das sich als Begleitlektüre zur Serie nach Romanen von Volker Kutscher anbietet.

          Die Zahl aktueller Publikationen mit ähnlicher Stoßrichtung ist Legion: „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin“ von Curt Moreck liegt im Buchhandel neben „Berlin in den 1920-er Jahren“ von Rainer Metzger und „Die Zwanziger Jahre in Berlin“ von Michael Bienert und Elke L. Buchholz. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Auch Zeitgenössisches belegt wieder vordere Regalplätze. Die Andere Bibliothek hat Ernst Troeltschs „Spektator“-Artikel aus dem Berlin der Jahre 1918 bis 1922 unter dem Titel „Die Fehlgeburt einer Republik“ neu aufgelegt. Und dann ist da natürlich immer noch die „Dreigroschenoper“, die kürzlich als „Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“ von Joachim A. Lang neu aufgelegt im Kino lief -, ein überambitioniertes Unterfangen. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Serie über das Bauhaus, die der Regisseur Lars Kaume gerade mit Ufa Fiction für das ZDF dreht, die stilbildende Designschule der Weimarer Republik zeichnet. 

          Die mit Abstand faszinierendsten Einblicke in eine Epoche, die mitnichten bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet ist, eröffnen zurzeit die Museen. Auch sie hat das Zwanziger-Jahre-Fieber gepackt, vor allem das Interesse an den Realismen dieser Jahre, die eine schillernde Rolle zwischen Progressivität und Reaktion spielten. In Frankfurt stellte schon im vergangenen Jahr die Kunsthalle Schirn die Frage nach dem „Glanz und Elend in der Weimarer Republik„ und zeichnete das Panorama einer Ära, die vom Unbehagen an sich selbst zerrissen wurde.

          Der digitale Rundgang steht Besuchern weiterhin offen. Doch es gibt schon wieder Neues, Überraschendes zu sehen: Das Städel würdigt die lange beinahe vergessene Malerin Lotte Laserstein. 1898 in Ostpreußen geboren, gehörte sie zu den ersten Frauen, die zum Studium an der Akademischen Hochschule für Bildende Künste in Berlin zugelassen wurden. Nach ihrem Abschluss mit Auszeichnung blieb sie in der Hauptstadt und machte sich rasch mit Porträts, Atelierszenen und Aktmalerei einen Namen. Einzelausstellungen und öffentliche Aufträge folgten. Gemälde ihres Lieblingsmodells Traute Rose zelebrieren das Bild der neuen Frau mit Bubikopffrisur, ob als sportliche Städterin beim Tennis oder wie eine menschliche Arabeske vor einer monochromen Fläche ausgestellt, und fanden ihren Weg in Mode- und Kunstmagazine der Zeit. Stilistisch der Neuen Sachlichkeit nahestehend, aber ohne die karikierende Härte eines Otto Dix oder den sozialkritischen Furor eines George Grosz, erscheinen die Bilder auf den ersten Blick der Zeit ihrer Entstehung seltsam entrückt. Erst auf den zweiten offenbaren sie eine existentielle Haltlosigkeit, die noch die traditionellsten Sujets und klassischsten Malweisen unterminiert.

          Eine große Beziehungslosigkeit

          Das wandfüllende Gemälde „Abend über Potsdam“ aus dem Jahr 1930, Lotte Lasersteins Hauptwerk, steht paradigmatisch dafür. Nicht zufällig erinnert es an Leonardos „Letztes Abendmahl“. Doch eine junge Frau im zitronengelben Oberteil bildet den Mittelpunkt der Tafel, um die zwei weitere Männer und Frauen sich gruppieren. Rückenansichten und abgewandte Blicke beherrschen die Szenerie in melancholischen Brauntönen, die Gläser sind halb leer, die Tafel ist bis auf ein paar Bissen Brot und Obst abgeräumt. Der deutsche Schäferhund unter dem Tisch döst, alle schweigen, über der Stadtansicht von Potsdam, wo sich drei Jahre später Hitler und Hindenburg die Hand reichen werden, liegen dunkle Wolken. Eine große Beziehungslosigkeit hat die Menschen erfasst, eine Ratlosigkeit wohl auch.

          1937 floh Lotte Laserstein, die Großeltern jüdischen Glaubens hatte und deshalb selbst als Jüdin verfolgt wurde, obwohl sie getauft war, nach Schweden. Sie schaffte es, viele ihrer Bilder mitzunehmen, malte weiter und unterrichtete, bis sie 1993 starb. Die Anerkennung, die sie verdient hätte, erfährt sie erst jetzt.

          Damit nicht genug der Wiederentdeckungen und Neubetrachtungen. Das Vorarlbergmuseum in Bregenz lässt mit der Ausstellung „Wacker im Krieg„ den Zeichner und Maler Rudolf Wacker aus dem Schatten Ernst Ludwig Kirchners treten, das Museum „Schlösschen im Hofgarten“ in Wertheim stellt in „Verfemt und vergessen„ Maler des Expressiven Realismus aus - und die Tate Modern in London widmet bis Juli kommenden Jahres eine opulente Schau der Kunst der Weimarer Republik: „Magic Realism: Art in Weimar Germany 1919-33“.

          Was Faschisten sehen wollten

          Damit sind die Briten auf der Spur, die auch das Museum Folkwang in Essen verfolgt, dort allerdings auf dem Weg ins präfaschistische und faschistische Italien. „Unheimlich real“ versammelt achtzig Werke, größtenteils aus Privatbesitz, von bei uns kaum bekannten Malern, die sich der Strömung des Realismo Magico zuordnen lassen und ein verstörendes Bild der Zwischenkriegszeit südlich der Alpen festgehalten haben. Ausgehend von der Malerei de Chiricos und Carràs, hatten sich nach 1918 Künstler um die Zeitschrift „Valori Plastici“ (Plastische Werte) gesammelt, die die „Rückkehr zur Ordnung“ propagierte - zur Gegenständlichkeit, zum Abbild, zum Erbe der Alten Meister, fort von den ikonoklastischen Experimenten des jungen Jahrhunderts.

          Damit fand diese prinzipiell restaurative Strömung das Wohlgefallen der Kunstförderung Mussolinis. Doch wer durch die Ausstellung in Essen spaziert, kann sich nur kopfschüttelnd fragen, wie solche Bilder, die brav geometrisieren, komponieren und lasieren, als affirmativ empfunden werden konnten. Jedes einzelne von ihnen löst Schauder aus.

          Mit Mitteln des Hyperrealismus ein Moment des Irrealen zu evozieren, auch an der Grenze zum Kitsch, war Programm. Das Ergebnis ist ein Panoptikum der Masken, der seltsam körperlos wirkenden Figuren und Charaktere, die in Schockstarre zu verharren scheinen. Ruhe und Ordnung täuschen diese Arbeiten nur vor. Unter der Oberfläche lauert das Chaos. Cesare Sofianopulo lässt es in seinem fast comichaften Bild eines Maskenballs von 1930 bedrohlich aufblitzen; Bruno Croatto zwingt sich selbst 1931 in die Pose des Kunsttechnokraten. Am kältesten aber sind die Blicke der Frauen: Die „Frau im Café“ (1931) von Antonio Donghi erscheint ebenso apart wie distanziert, Ubaldo Oppis Frau, 1921 vor naiv venezianischer Kulisse gemalt, ist ein Engel mit Eisaugen. Soviel steht fest: Diese Menschen sehen keiner glücklichen Zukunft entgegen.

          Die Ausstellung Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre läuft noch bis zum 13. Januar 2019 im Museum Folkwang, Essen. Die Ausstellung zu Lotte Laserstein läuft bis zum 17. März 2019 im Städel Museum, Frankfurt.

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