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Frankfurter Weihnachtsausstellung : Eine himmlische Familie

Von der Verkündigung bis zur Rückkehr ins Gelobte Land: Mit hinreißenden Bildern und Plastiken des Hoch- und Spätmittelalters erzählt das Liebieghaus in Frankfurt die Weihnachtsgeschichte.

          3 Min.

          Der Moment, in dem Maria erfährt, dass sie den Erlöser zur Welt bringen soll, ist uns aus Hunderten von Darstellungen vertraut, und das besonders schöne Altarbild, das um 1500 in der Werkstatt des Ulmer Künstlers Jörg Stocker entstand, macht hinsichtlich seiner Komposition keine Ausnahme: Der Erzengel Gabriel kommt zu Maria, die auf einem Stuhl sitzt und in einem Buch liest. Über ihrem Kopf schwebt der gefiederte Heilige Geist heran, und wüsste man nicht aus der Bibel, dass sie dem Engel antwortet: „Siehe, ich bin des Herren Magd“, dann könnte man ihr Einverständnis in ihrem Gesicht lesen, und der Rest ist Heilsgeschichte.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch darin gibt es noch einen anderen Moment, er findet ein paar Monate später statt, als Marias Verlobter Joseph, wie es in einem apokryphen Text heißt, von einem langen Montagedienst nach Hause kommt und sich die Schwangerschaft, mit der er nichts zu tun hat, nicht mehr verbergen lässt. Dieser Moment fand unter den sakralen Künstlern weit weniger Beachtung als die Verkündigung, und umso eindrucksvoller ist eine Schnitzarbeit, die etwa gleichzeitig mit der Ulmer Verkündigung am Niederrhein entstand. Dargestellt sind Maria, wieder lesend, aber kaum konzentriert auf die Schrift, und Jospeh, der sich gerade zum Gehen wendet. Maria kann das ersichtlich kaum glauben, lächelt aber zuversichtlich: Er wird das schon einsehen, ihr Verlobter, sie hat ihm die Sache doch erklärt, und sieht er denn nicht die beiden Engel, die zu ihren Füßen spielen, als Zeichen göttlichen Beistands?

          Ihre Leiber scheinen mehr zu wissen als die harmlosen Gesichter

          Beide Werke, Stockers Verkündigung und die Aussprache der Verlobten, sind jetzt in einer feinen Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus zu sehen, die sich der Weihnachtsgeschichte widmet. Sie folgt deren Chronologie, nicht den Entstehungszeiten der einzelnen Exponate, und daher ist die Entscheidung, sich im Wesentlichen auf Bilder und Plastiken des Hoch- und Spätmittelalters zu beschränken, ausgesprochen sinnvoll. Nachdem sich Joseph, der hier erfreulicherweise zu seinem Recht kommt und als Zweifelnder und Träumer gewürdigt wurde, schließlich als von der Heilsgeschichte überzeugter Ehemann zeigt, gehört das nächste Kapitel der Begegnung der schwangeren Cousinen Maria und Elisabeth.

          Besonders schön ist eine Holzplastik aus der Reutlinger Marienkirche, entstanden bald nach 1400, die beide Frauen mit mächtigen, nur um Zentimeter voneinander getrennten Bäuchen zeigt: Jesus im einen, Johannes der Täufer im anderen. Die Leiber scheinen besser als die harmlosen Gesichter der beiden Frauen zu wissen, was diese Begegnung bedeutet, und dieselbe Szene findet sich dann noch einmal in einem Gemälde, nur dass jetzt die Bäuche offen sind und dem fast verzagten Jesus-Embryo, der seinen Vetter mit großen Augen ansieht, ein jubelnder, anbetender Johannes gegenübergestellt ist.

          Ein Knabe ohne Spur von Heiligkeit

          So geht das fort und fort, die Hirten stellen sich ein und die drei Magier, die auf einer Holzplastik herrlich verirrt und zugleich von tiefster Zuversicht erfüllt sind. Zwei Hebammen kommen, von Joseph zu spät geholt, in den Stall, und weil die eine Marias Jungfräulichkeit nicht glauben mag, verdorrt ihre Hand - erst die Berührung des Jesusknaben kann sie heilen. Wir sehen Maria im Wochenbett, während ein ausgesprochen frech grinsender Jesus auf ihrem Bauch herumtollt, und ein andermal allein und überraschend matt. Irgendjemand, so stellt man sich vor, hat sich des Kindes angenommen, um ihr etwas Ruhe zu schenken.

          Jesu Beschneidung wird in erstaunlich realistischer Manier auf einem Nürnberger Gemälde dargestellt, geschaffen um 1450 vom Meister des Tucher-Altars, und angesichts der blitzenden Klinge, die im Zentrum des Bildes gerade angesetzt wird, versteht man den besorgten Blick des Knaben. Die nächste Station ist der Kindermord, befohlen von Herodes, den Altartafeln aus München mit so großer Drastik überliefern, dass sie kaum zu ertragen sind: die blutigen zerteilten Leiber, die kleinen Gesichter, die noch im Tod Blut zu weinen scheinen. Und vor allem der Kriegsknecht, der sein Werk derart ungerührt und konzentriert verrichtet.

          Es folgt die Flucht nach Ägypten und schließlich die Rückkehr ins Gelobte Land. Jahre sind vergangen, Jesus kann jetzt laufen, und wenn es irgendwelche Zweifel an Josephs Bereitschaft gab, die Vaterrolle auszufüllen, dann tritt eine wundervolle Holzplastik aus den südlichen Niederlanden am Ende der Ausstellung an, sie nachdrücklich auszuräumen. Keine Spur von Maria, Joseph aber, mittlerweile ein Greis, hat den Knaben an der Hand, der keine Spur von Heiligkeit an sich trägt. Stattdessen ist da eine Vertrautheit zwischen den beiden, die zutiefst menschlich ist, das offenbar bewährte Wissen, dass sich der Junge auf den Ziehvater verlassen kann, komme, was wolle. So zielt diese Holzgruppe, diese Geste direkt auf das Gemüt des Betrachters. Und trifft.

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