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Kunst und Immersion : Der Trend zum Bildersturm

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Und stoßen Sie sich bitte nicht den Kopf! Das begehbare Werk „Ambiente Spaziale, Utopie” von Lucio Fontana und Nanda Vigo von 1964 Bild: Pirelli HangarBicocca, Milan

Überall setzen Museen auf Immersion. Aber muss man die Distanz zwischen Bild und Betrachter wirklich auflösen, um Kunst besser zu verstehen?

          7 Min.

          Wer hatte schon einmal den Wunsch, zu wissen, wie die schwebende Gruppe der Heiligen auf Albrecht Dürers „Anbetung der Dreifaltigkeit“ von der Rückseite aussieht? Oder wohin man gelangen würde, wenn man auf Cézannes Gemälde der Montagne Sainte-Victoire an der großen Pinie im Vordergrund nach links ins Tal abbiegt? Der Gedanke erscheint absurd. Denn seit ihren Anfängen hatte die Kunst der Malerei ja gerade darin bestanden, Eindrücke der realen Welt auf eine begrenzte, zweidimensionale Fläche zu übertragen – einen imaginären Raum, in dem die Gesetze der Außenwelt nicht galten. Zwischen Bild und Betrachter verlief ein Abstand, ohne den das Kunstwerk überhaupt nicht als solches wahrnehmbar gewesen wäre.

          Doch die zeitgenössische Kunst hat verschiedene Versuche unternommen, diesen Abstand aufzuheben. Das Stichwort lautet: Immersion, eine „Versenkung, die in den Surround-Systemen der totalen Installationen auch die körperliche Präsenz des Rezipienten umgreift“, so hat der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp den Trend zum künstlerischen Gesamterlebnis beschrieben. Die Werke, so Kemp, „mutieren zu Erlebniswelten“. Dahinter steht ein pädagogisches Verständnis von Kunst: Die Museumsbesucher sollen aus ihrer vermeintlichen Isolation befreit werden und sich als integraler Bestandteil des Kunstwerks wahrnehmen. Der reflektierte Abstand des Betrachters zum Werk – lange Zeit notwendige Bedingung der Kunstbetrachtung – gilt nun als Hindernis auf dem Weg zum unmittelbaren Erleben.

          Das direkte und unmittelbare Erleben

          So sehen es auch die Kuratoren der Ausstellung „Welt ohne Außen“, die gerade im Berliner Gropius-Bau Beispiele immersiver Kunst von den sechziger Jahren bis heute versammelt. Die traditionelle Kunstausstellung, so liest man in der Ankündigung, sei ein Ritual der westlichen Moderne, das von einer Welt ausgehe, der man als Mensch gegenüberstehe, und einem entsprechenden Subjekt, das die Kunstwerke „aus der urteilenden Distanz“ betrachte. „Immersion hingegen stimuliert ein direktes und unmittelbares Erleben: Eingehen und Eintauchen, Teilsein und In-Beziehung-Stehen“.

          Haben Betrachter und Bilder eine Beziehungsstörung? Rauminstallation von Doug Wheeler aus dem Jahr 1969.

          Tatsächlich blickt, wer den Ausstellungsparcours durchlaufen hat, auf eine dichte Folge abwechselnder Sinnesreize und Körperzustände zurück. In einer begehbaren Box hatte man sich gleich zu Beginn den Kopf an der Decke des Kunstwerks gestoßen („Ambiente Spaziale“ von Lucio Fontana und Nanda Vigo). Begleitet von ohrenbetäubenden Trommelwirbeln hatte man eine Nackte ekstatisch auf der Stelle tanzen gesehen, danach lief die Frau schreiend ins Publikum (Claire Vivianne Sobottke und Tian Rotteveel). Gemeinsam mit anderen hatte man zehn Minuten lang im Dunkeln gestanden und zu Sphärenklängen farbige Lichter aufblinken und wieder verschwinden gesehen (Dominique Gonzalez-Foerster).

          Drei als Museumswärter verkleidete Animateure waren unter lautem Rufen aus ihren Ecken hervorgekommen und hatten einen tüchtig erschreckt (eine der zahllosen Wiederholungen von Tino Sehgals Arbeit „This Is So Contemporary“). In einem Raum, in dem bereits einige Museumsbesucher im Yogasitz auf dem Fußboden saßen, hatte man die abwechselnden Düfte einer Geruchsorgel in sich aufgenommen: frisches Heu, Erdbeere, Kuhdung, etwas wie Erbspüree (Wolfgang Georgsdorf). Man war Teilnehmer einer fernöstlichen Teezeremonie geworden (Danbi Kim und Isabel Lewis), hatte im gleißenden Stroboskoplicht von zweitausend LED-Lampen gestanden (Carsten Höller) und konnte sich mit Hilfe eines 3D-Headsets in die beengte Lebenswelt eines Gefängnisinsassen einfühlen (Nonny de la Peña).

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