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Bilder der Nacht in Lens : Und Schwarz ist doch eine Farbe

  • -Aktualisiert am

„Ombres portées“ von Emile Friant, 1891 Bild: RMN/Grand Palais

Emblem der Trauer, des Wissens und der Macht: Die Dependance des Louvre im einstigen Kohlerevier Pas-de-Calais zeigt Bilder der Nacht.

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          Am 3. Februar 1720 entdeckten Bergbauunternehmen nach jahrelanger Suche in Fresnes-sur-Escaut ein vielversprechendes Flöz. Noch heute erinnert in dem Scheldestädtchen nahe der belgischen Grenze ein unästhetisches Denkmal an diesen ersten Fund von Steinkohle im Nord-Pas-de-Calais. Der Tag gilt als das Geburtsdatum des nordfranzösischen Kohlereviers, dessen Bedeutung für die Region über ein Jahrhundert lang kaum zu überschätzen war, bevor um 1960 der Niedergang einsetzte und Ende 1990 die letzte Zeche geschlossen werden musste.

          Der Ableger des Louvre, der 2012 in Lens mitten im ehemaligen Kohlerevier eröffnet wurde, begeht dieses Dreihundertjahrjubiläum jetzt mit einer großen Ausstellung: „Soleils noirs“. Die schwarzen Sonnen des titelgebenden Oxymorons verweisen nicht nur auf Frankreichs Romantiker wie die Dichter Gérard de Nerval und Victor Hugo oder Spätromantikerinnen wie die Chansonsängerin Barbara, sondern auch auf die schwarze Welt des Untertagebaus, wohin kein Sonnenstrahl sich je verirrte. Die Universalität des Themas „Schwarz in der Kunst“ wird so durch einen lokalen Bezug geerdet, der breite Bevölkerungsschichten ansprechen dürfte. Anders als das Mutterhaus zieht der Ableger mehrheitlich Einheimische an: Mehr als zwei Drittel der Besucher des Louvre-Lens kommen aus der Region.

          Das Museum wurde seinerzeit aus allerlei schlechten, weil kunst- und somit sachfremden Gründen ins Leben gerufen – wie denen der Verarztung wirtschaftlich-sozialer Wunden durch Kultur-Pflaster und politischen Handels. Es gab auch zumindest einen guten: Man wollte hier ambitiöse, epochen- und genreübergreifende Ausstellungen ausrichten, für welche die Räumlichkeiten unter der Pariser Glaspyramide wenig geeignet sind. Die 141 Exponate von „Soleils noirs“ reichen vom – auch „Kohlezeitalter“ genannten – Karbon bis ins Jahr 2019 und umfassen neben allen klassischen Genres der bildenden Kunst darüber hinaus auch Spielfilme, Abendkleider sowie wissenschaftliche Traktate.

          Die Farbe des Bösen

          Geordnet sind sie nicht chronologisch, sondern thematisch. Das erste der fünf Kapitel ist der phänomenologischen „Erfahrung des Schwarzen“ gewidmet. Zur Begrüßung stecken ein dreihundert Millionen Jahre altes Fossil aus kohlehaltigem Schiefer sowie sechs Marmorbrocken, in die Laurent Grasso je ein Auge eingraviert hat, die beiden Pole ab, deren Spannungsfeld die Schaustücke der folgenden Säle ausreizen werden: die Natur einerseits, ihre Wahrnehmung durch das menschliche Sehorgan andererseits. Die gängigste Erfahrung der Farbe Schwarz in der Natur wird durch die Nacht vermittelt. In der figurativen Malerei dient ein Minimum an Helligkeit der Finsternis als Kontrastfolie.

          Le ruisseau du puits noir  von Gustave Courbet, 1865

          Unzählige Mondscheinszenen und Stadtbilder mit schwacher künstlicher Beleuchtung bezeugen die Ausdruckskraft der Farbe, die nahezu kein Licht zurückwirft. Im weiteren Sinne sind auch Werke, in denen dichter Nebel oder dunkle Wolken den Tag zur Nacht werden lassen, der Gattung der „Nocturnes“ zuzuzählen. Ihren Namen prägte James Abbott McNeill Whistler in Anlehnung an die verschatteten Kompositionen Frédéric Chopins. Am faszinierendsten sind schwarze Gewässer – sei es, dass sie wie „Le Ruisseau du Puits-Noir“ von Gustave Courbet alles Licht verschlucken, sei es, dass sie wie „La Solitude“ von Thomas Alexander Harrison rätselhafte Reflexionen zurückwerfen.

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