https://www.faz.net/-gqz-9rvkd

Richard Gerstl in Wien : Der österreichische van Gogh?

Alles fließt in den Selbstbildnissen von Richard Gerstl mit ihrem charakteristisch kreisenden Pinselstrich. Bild: Leopold Museum, Wien

Der Maler Richard Gerstl ist der radikale Stilverweigerer der Moderne. Eine Ausstellung in Wien zeigt, warum er keinen Vergleich scheuen muss.

          5 Min.

          Über den 1908 im Alter von nur fünfundzwanzig Jahren in den Freitod gegangenen Richard Gerstl schrieb der Galerist Otto Kallir-Nirenstein 1931, diesen verbinde mit van Gogh nicht nur die kurze, manische Schaffensspanne weniger Jahre, sondern auch, dass beide als große Verkannte zu Lebzeiten kein einziges Bild verkauft respektive ausgestellt hätten. Es waren dies gewollte Parallelisierungen, um Gerstls Biographie tragischer und sein Werk, das in diesem Jahr in der Wiener „Neuen Galerie“ Kallir-Nirensteins ausgestellt wurde, begehrenswerter erscheinen zu lassen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ohne jede Zurichtung oder Verklärung festgehalten werden kann: Wie van Gogh hat Gerstl sich in seiner nur sechs Jahre währenden Schaffenszeit in auffällig vielen, künstlerisch revolutionären Selbstbildnissen belauert und beäugt. Zwanzig dieser Experimente in Selbsterkundung sind erhalten. Und wie beim Niederländer sind Gerstls späte Werke von 1906 bis zum frühen Tod derart expressiv, dass sie schon semiabstrakt genannt werden dürfen. Auf dem „Gruppenbild mit Schönberg“ von 1908 ist die dissonante Atonalität des porträtierten Modernekomponisten, den Gerstl zwei Jahre lang das Malen lehrte, in die grellgelbe Hintergrundfarbe, den konturlosen Farbklangteppich des rosa Gewandes von Mathilde Schönberg und in die durch heftigste Pinselschläge vollständig aufgelösten Kinder zu Füßen der beiden übersetzt. Gerstl verletzt und zertrümmert damit intakte Schönheit zu einer Zeit, in der Schiele, Klimt und Kokoschka noch dem späten Jugendstil frönen.

          Die Konturen regelrecht zertrümmert

          Dennoch scheint es beim ersten Hören absurd: Eine zehn Säle füllende monographische Schau im Wiener Museum Leopold, kombiniert mit einem fesselnden Selbstporträt van Goghs und zweien von Munch und Bacon, mit Landschaften Bonnards und Corinths – für einen Künstler, der nur sechs Jahre lang malte? Es liegt eben nicht an der tragischen Biographie und dem skandalträchtigen Selbstmord Gerstls, dem eine Affäre mit der Frau des Komponisten Arnold Schönberg vorausging, die dieser bei Entdeckung publik zu machen und den Fremdgänger aus reichem Elternhaus damit gesellschaftlich zu ächten drohte. Die Würdigung liegt vielmehr in der Unvergleichbarkeit eines Werks begründet, das in seiner radikalen Stilverweigerung tatsächlich singulär dasteht.

          Richard Gerstl

          Allein Gerstls bis auf ein christusgleiches Lendentuch nacktes und annähernd lebensgroßes Ganzkörper-„Selbstporträt“ von 1902 oder 1904 – der Maler hat seine Bilder bis auf eine Ausnahme nicht datiert – zeigt dies. Gerstls Silhouette mit einem wie pulsierenden Lichthof um ihn herum schwimmt geradezu auf dem wasserblauem Hintergrund. Das Selbstbild ist in seiner Intensität nur mit Dürers splitternackter Selbstentblößung von 1509 zu vergleichen, die sich ebenfalls aus einem tiefblauen Grund herausschält und derzeit in der Wiener Albertina ausgestellt ist. Es ist eine Fügung, dass diese beiden radikalen Selbsterforschungen noch bis Januar nächsten Jahres in derselben Stadt zu vergleichen sind.

          Der gebildete Gerstl scheint Dürers Avantgardebildnis gekannt zu haben, heben doch beide in auffälliger Weise stark auf Asymmetrien ab. Während Dürer mit einem kleinen Spiegel seinen Hodensack und sein Geschlecht abfährt und von der Seite zeigt, gibt er Körper und Kopf aus gänzlich anderer Perspektive. Gerstl hingegen zeigt sich zwar scheinbar frontal, innerhalb dieses En-face-Porträts ist aber nicht weniger als das gesamte Gesicht in schwankendem Fluss. Sein rechtes Auge, in das Gerstl mit Hellblau eine Art Hochwasserpegel markiert, ist deutlich glasiger und steht höher. Die für einen Neunzehnjährigen markanten Geheimratsecken scheinen im Gesichtsfeld ähnlich zu schwimmen wie dessen linke Hälfte mit dem nach oben ziehenden Bart. Dass hier alles fließt, liegt neben Gerstls charakteristisch kreisender Pinselführung vor allem daran, dass es keine festen Konturen gibt. Kopf, Ohren und insbesondere die Schultern gehen nahtlos in den liquiden Äther des Hintergrunds über.

          Weitere Themen

          Weltloses Melodrama Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Kindness of Strangers“ : Weltloses Melodrama

          Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit ihrem neusten Film ein unrealistisches Melodrama entworfen, findet F.A.Z.-Redakteur Andreas Kilb. Warum sich ein Besuch im Kino trotzdem lohnt, verrät die Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Zwei große Mächte im Welthandel: US-Präsident Donald Trump (links) fasst sich an die Jacke, während er für ein Foto mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G-20-Gipfels in Osaka posiert.

          Trumps Blockade : Schwerer Schlag für den Welthandel

          Donald Trump legt das Instrument zur Streitschlichtung der Welthandelsorganisation lahm. Die EU-Kommission sucht noch nach einer Lösung, um die Blockade zu umgehen.
          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.