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Frank Walter im MMK : Kind eines karibischen Olymps

Frank Walter, King Size Soul Bild: Axel Schneider/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Frank-Walter-Retrospektive im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigt das Werk eines Mannes, das Ausdruck eines lebenslangen Ringens um die eigene Identität ist.

          4 Min.

          Den Weg zur Ausstellung säumt im Museum eine Phalanx üppiger Palmen in ihren Töpfen. Es ist die Installation „L’Entrée de l’exposition“ des Belgiers Marcel Broodthaers aus dem Jahr 1974. Die Palmen, die so gut Zierde bürgerlicher Interieurs sein können wie Pflanzen, die in anderen Regionen wachsen, sollen für die Besucher, heißt es, einen „Geschichtsraum eröffnen, der von den anhaltenden Folgen der Kolonialzeit geprägt ist“. Nur ein einziges kleines Gemälde von Frank Walter hängt in der Eingangshalle. Dort treffen Abstraktion und Figuration aufeinander, eine gelbe, eine rote und eine blaue Kreisform, darunter vor meerblauem Grund ein zähnebewehrtes Maul. Wie Marker einstiger europäischer Avantgarde in der Konfrontation mit einer Gegenständlichkeit, die im, jedenfalls vermeintlichen, Primitivismus verortet werden könnte.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Direktorin des MMK, Susanne Pfeffer, hat das ganze Haus freigeräumt für Frank Walters Bilder und Skulpturen. Das gibt seinen sämtlich kleinformatigen Arbeiten, aufgereiht vor teils starkfarbigen Wänden im verwinkelten Bau von Hans Hollein, eine enorme Präsenz. Sie unterstreicht, was er ist: nämlich genau der Künstler für unsere Gegenwart. Frank Walter, 1926 geboren in Liberta auf der Karibikinsel Antigua, war der Sohn eines weißen Plantagenbesitzers deutscher Abstammung und einer schwarzen Frau, Nachfahrin von Sklaven. Er genießt eine Ausbildung an der Antigua Grammar School, ist hochbegabt; mit 22 Jahren wird er, als erster schwarzer Mann, Manager einer Zuckerplantage.

          Ein zerrissener Künstler

          Doch es treibt ihn 1953 nach Europa, er will seine Wurzeln finden; es ist seine Form der Bildungsreise. In England trifft er auf den herrschenden Rassismus; er muss als Hilfsarbeiter sein Geld verdienen, besucht Bibliotheken für seine Studien. Er hat erste Halluzinationen, wohl auch des Hungers wegen. Ende der fünfziger Jahre besucht er Deutschland, wo es ihm etwas besser ergeht; er wandert, in nachgerade romantischer Tradition, den Rhein entlang.

          „Wie Marker einstiger europäischer Avantgarde in der Konfrontation mit einer Gegenständlichkeit, die im, jedenfalls vermeintlichen, Primitivismus verortet werden könnte.“

          Im Lauf seines Lebens wird er vielverzweigte Stammbäume entwerfen, sich eine Genealogie erfinden, die seine Herkunft in Europa verankern soll. Zurück seit 1967 in Antigua arbeitet er als Fotograf, abends und nachts malt, schreibt, schnitzt er. Und er packt seine Bilder in Kisten zum Versand, schreibt Bittbriefe, in der Hoffnung, seine Kunst in Deutschland ausstellen zu können. Als Walter 2009 stirbt, hinterlässt er rund 5000 Gemälde, 600 Holzskulpturen, Holzspielzeuge und Fotos und mehr als 50.000 Seiten Prosa und Poesie, neben 450 Stunden Tonbandaufzeichnungen. Sein sehnlicher Wunsch erfüllte sich erst nach seinem Tod, als 2017 auf der Venedig-Biennale, im Pavillon von Antigua und Barbuda in Dorsoduro, seine Arbeiten gezeigt werden. In Frankfurt findet nun seine erste Museumsausstellung statt.

          In Frank Walters Malerei wird die innerste Zerrissenheit durch seine Geburt Gestalt. In sie fließt ein, was ihn lebenslang daran hindert, sich eine Identität, im abendländischen Sinn, zusammenflicken zu können. Es ist ein unabschließbarer Prozess, seine Randständigkeit insistiert, tritt uns als Fremdheit entgegen, die wir uns nicht ganz anverwandeln können. Symbolisch dafür steht sein Selbstporträt als weißer Mann, mit blauen Augen, spitzer Nase und schmalen roten Lippen, wobei das schwarze Gesicht so kalkweiß überstrichen ist wie bei Jean-Louis Barrault als Pantomime in „Kinder des Olymp“.

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